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Fernlicht #1 – Elite und Demokratie nach Pareto

Der Begriff der Demokratie wird ideologisch beinahe deckungsgleich mit dem Begriff der guten Politik gebraucht. Hingegen wird die Existenz von Eliten und Elitenherrschaft schlichtweg verleugnet und quasi als Antipode zum demokratischen Prinzip behandelt. Mit dem Italiener Vilfredo Pareto betrachten wir, warum auch repräsentative Demokratie zu plutokratischer Elitenbildung tendiert.

Vorwort zur neuen Artikelserie Fernlicht: Was nützt ein Fernlicht? Es hilft uns bei Nacht, weit entfernte und schwach kontrastierte Objekte und Personen zu erkennen und unsere Weltsicht entsprechend zu schärfen. Ob ein Nebelscheinwerfer im Wald oder eine Taschenlampe im Keller: Ohne Licht gelangen wir auf Abwege, irren umher, laufen geradewegs in unser Unglück. Dasselbe beobachten wir tagtäglich im politischen Diskurs. Ideologische Begriffe werden auch von vermeintlichen Dissidenten als Gemeinplätze behandelt – die Definitionsmacht über ihren Inhalt wird häufig dem politischen Gegner überlassen. So sehen wir immer wieder, dass Konservative in rhetorische Fallen laufen, sich im Dickicht des liberalen Diskurses verirren oder die Moral des Feindes adaptieren und etwa anfangen, von “linken Faschisten” zu faseln. Im Fernlicht wagen wir eine neuen, genuin konservativen Blick auf die Begriffe, anstatt diese den Linken und Liberalen zu überlassen. Angefangen von Grundkonzepten wie Demokratie über historische Personen bis hin zu Phänomenen der Gegenwart gilt es, dem hegemonialen Weltbild der Masse mit einer Neubewertung aller Dinge zu begegnen.

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Grundlage heutiger westlicher Gesellschaften ist ein egalitäres Menschenbild, welches die existentielle, wenn nicht sogar essenzielle Gleichheit aller Menschen postuliert. Vor allem (post)moderne Ideengeber und Intellektuelle sehen in einer westlich-liberalen Demokratie auf egalitärer Basis die gerechte politische Grundlage einer Gesellschaft gegeben. Während in früheren Zeiten eine Elite – zum Beispiel in Form aristokratischer Schichten (Minderheit) – über große Teile der Bevölkerung (Mehrheit) geherrscht habe, herrscht in modernen Gesellschaften das Volk über sich selbst, ohne eine Elite zu benötigen – zumindest lautet so die Erzählung der Verfechter liberaler Werte. Dabei täuschen diese bewusst über die Tatsache hinweg, dass sich eine Elite zwangsläufig in allen Gesellschaften herausbildet. Auch im heutigen Deutschland hat sich dementsprechend eine Elite herausgebildet, welche sich aber nicht so bezeichnen will und Fiktionen wie “Volkssouveränität” nutzt, um sich selbst zu legitimieren. Im Gegenteil: sie scheuen den Elitenbegriff und konstruieren eine demokratische Gesellschaft, angeblich ohne jegliche Elite. Hingegen erkannten Kritiker des Liberalismus erkannten schon vor 100 Jahren, dass es sich bei dieser Vorstellung um reine Ideologie handelt.

Der italienische Intellektuelle Vilfredo Pareto beschrieb Anfang des 20. Jahrhunderts die anthropologische Konstante einer Elitenbildung. Er sprach konkret vom “Zyklus der demagogischen Plutokratie” – letzteres ist für ihn ein Synonym für die parlamentarische Demokratie. Pareto schrieb: “Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte man trotz der Ansichten einiger Denker glauben, dass  die Regierung unserer Gesellschaft ganz und gar die Mehrheit sein würde und dass sie durch das allgemeine Stimmrecht und den Parlamentarismus verwirklicht werden würde. Jetzt beginnt man zu erkennen, dass diese Macht der Mehrheit mehr nominell als real ist und dass sie im Begriff ist zu verfallen.” Diese Degeneration der Volkssouveränität machte er am Fehlen bzw. der Zerstörung der alten Eliten fest. Die Argumentation lautet folgendermaßen: Da in parlamentarischen Gesellschaften Personen durch Wahlen in Entscheidungsfunktionen geraten würden, kämen zunehmend unpassende Menschen an die Macht, die nicht idealistischen oder gerechten Zielen folgen, sondern allein aus egoistischen Motiven handeln würden. Erstes Ziel sei die Machtsicherung: “Die – über das Parlament und die Regierungen – herrschende Elite sichert sich dann ihre Macht, indem sie das ‘gestohlene’ Geld an soziale Gruppen umverteilt, deren Zufriedenheit beschwichtigt werden muss.” Anstatt elitäre Herrschaft abzuschaffen, tauscht der Parlamentarismus also nur die alten Eliten durch neue Eliten aus, den Adel durch die Plutokraten.

Nach Pareto gebe es zwangsläufig immer eine Elite, die sich aus den gegebenen Voraussetzungen der Gesellschaft entwickeln würde. In liberal-demokratischen Gesellschaften seien Wahlen der Transmissionsriemen für diese Elitenzirkulation (früher seien es nach Pareto Tradition und Kultur gewesen). Die neue Elite würde demnach Begriffe wie “Volkssouveränität”, “Repräsentative Demokratie” usw. nur als Fiktion und bewusste Täuschungen nutzen, um sich einen Anschein von Demokratie und egalitären Verhältnissen zu geben. Dass Denkfiguren wie “Volkssouveränität” höchstens nur Ideale seien, denen man sich annähern könnte, würde verschwiegen. Pareto selbst verspottete diese Begriffe der Liberalen als “Mythos”. Schon vor dem ersten Weltkrieg erkannte Pareto die Zukunft der parlamentarischen Demokratie: Die Politik-Elite würde mit der ökonomischen Elite ein Bündnis eingehen, um tyrannisch über die Mehrheit zu herrschen. Man kann an diesem Punkt darüber nachdenken, ob er nicht damals schon die Vorgänge des Finanzkapitalismus beschrieb.

Dabei macht Pareto nicht wirklich den Demagogen (“Demokraten”) einen Vorwurf, diese seien ja schlechthin nur Opportunisten. Er sieht die große Schuld eher bei den alten Eliten und der bürgerlichen Schicht, die in ihrer “zunehmenden Dekadenz, Feigheit und Herrschaftsunfähigkeit” unfähig zur Verteidigung seien. Nun, als konservativer Beobachter kann man sich im Jahre 2020 fragen, ob Paretos ursprüngliche Beschreibung der bürgerlichen Schicht nicht auch auf die aktuellen herrschenden Schichten der BRD-Nomenklatura zutreffen könnte. Merkel-Deutschland wirkt schlaff und erstarrt, und manch einem Konservativen zaubert das Wort “Demokratie” nur noch ein müdes Lächeln auf die Lippen. Ähnlich muss es Vilfredo Pareto gegangen sein, als er die Zustände in Italien nach dem Ersten Weltkrieg betrachtete. Er selbst starb übrigens am 23. August 1923 im Alter von 75 Jahren in Genf. Ein Jahr zuvor hatten in Rom die italienischen Faschisten um Mussolini die Macht übernommen.

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Veröffentlicht in Fernlicht

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