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Fünf marktliberale Dogmen

Der ideologische Einheitsbrei erstreckt sich nicht nur auf die Felder der Identitäts- und Einwanderungspolitik, sondern auch auf wirtschaftliche Fragen. Ideologische Glaubenssätze – dass es einen “freien Markt” gäbe, dass Inflation stets ein Problem darstelle und dass Kapitalgewinne am Ende des Tages den Arbeitern zugute kämen – werden als vermeintlich universelle Wahrheiten dargestellt. Wir haben fünf marktliberale Narrative herausgesucht und mit der Realität abgeglichen.

konflikt

In vielen Augen hat das Ende des Kalten Krieges den Blockkonflikt eindeutig entschieden – nämlich für den Westen und seinen Kapitalismus. Dessen neoliberale Ausprägung ist seitdem auf einem Siegeszug durch die Gesellschaft; die Wirtschaftsweisen predigen täglich die Vorzüge eines freien Marktes und bestimmter Rahmenbedingungen. Gerne werden dabei bestimmte Ziele und Ideen als alternativlos dargestellt: So seien etwa Inflation und Staatsschulden zu vermeiden. Andere Experten betonen, Bildung sei unsere wichtigste Ressource, und zugleich hätten die Nationalstaaten sich ökonomisch erübrigt. Dabei handelt es sich bei jeder dieser vermeintlichen Wahrheit vor allem um Glaubenssätze, die man zwar teilen kann, aber nicht muss:

Dogma 1: “Der freie Markt regelt”

Marktliberale sehen sich gerne im Abwehrkampf gegen den Staat, der ohne sie zu sehr in die Wirtschaft eingreifen würde. Dabei gibt es jedoch gar keinen keinen freien Markt und es kann ihn auch nicht geben, außer man würde eine Gesellschaft komplett entflechten und atomisieren – eine sehr dystopische und zugleich unrealistische Vorstellung. Es wird immer Regeln und Richtlinien in Gesellschaften geben, die Vertragspartnern und Individuen die Möglichkeit nehmen, völlig frei zu entscheiden. Milton Friedmans “free to choose” ist eine leere Hülle, genauso die Ideen von libertären Denkern wie Hans-Herman Hoppe.

Der Ruf nach einer freien Marktwirtschaft, zumindest im neoliberalen Sinne, ist immer eine politische Forderung, denn ihre Vertreter rufen auf der einen Seite nach absoluten Freiheiten für ihr Geschäft, aber fordern dann die rettenden Arme des Staates, wenn etwas schief läuft. Marktliberale wollen nicht aus edlen Motiven einen freien Markt und konstruieren immer nur dann das Feindbild “Staat”, wenn dieser ihren Gechäftsinteressen im Wege zu stehen scheint. Ihre Forderungen sind meistens nicht wissenschaftlicher, objektiver Natur – auch wenn sie es immer so ausgeben – sondern rein politisch.

Die Wahrheit ist, dass es in der Realität keinen “freien Markt” gibt, sondern Märkte immer in einem konkreten Kontext entstehen und von konkreten Menschen mit Geschichte und Identität, Stärken und Schwächen abhängen. Als Prinzip zur Verteilung begrenzter Ressourcen in einem bestimmten Rahmen funktioniert der Markt gut – als höchste Maxime der Wirtschaftspolitik versagt er jedoch völlig.

Dogma 2: “Der Nationalstaat ist wirtschaftlich überholt”

Multinationale Konzerne sind die Schönlinge der heutigen Wirtschaft. Von der grenzenlosen Politik und dem freien Kapitalverkehr profitieren sie laut vielen Ökonomen allesamt – egal wo. Das Herkunftsland könne man dabei ignorieren, denn Kapital kenne keine Nationalität. Das klingt einleuchtend, ist aber falsch. Denn Beispiele zeigen, dass es sogar eher hinderlich sein kann, die eigene Wirtschaft aus den Augen zu verlieren oder sich zu sehr auf transnationale Unternehmen zu konzentrieren.

Dabei ist erstens die Tatsache zu nennen, dass wichtige Unternehmenseinheiten wie Forschung und Leitung trotz all der Globalisierung im Herkunftsland bleiben. Die Steuerungseinheit der Wertschöpfungskette bleibt also in der Heimat. In der Regel knipsen Unternehmen zudem in Krisenzeiten auch als erstes ihre ausländischen Einheiten aus – Beispiel Opel. Multinationale Unternehmen sind letztendlich weiterhin national, wie man auch bei der Chrysler-Daimler-Fiat-Geschichte erkennen konnte. Je nachdem, welches Unternehmen gerade die meisten Anteile an Chrysler hielt, änderte sich die Zusammensetzung des Vorstandes und der Spitzenkräfte. Da Fiat aktuell 100% der Chrysler-Aktien hält, haben überdurchschnittlich viele Italiener Führungspositionen inne – die Amerikaner gehen dabei leer aus.

Der nationale Hintergrund hat trotz des multinationalen Charakters eines Unternehmens dann meistens immer noch einen Einfluss auf die Entscheidungen der Unternehmen. Sei es durch eine historische Verwurzelung (Beispiel VW) mit dem Heimatland oder der vermutlich wichtigste Grund: Die Kernqualifikationen lassen sich nur schwer über die Grenzen schieben. Wie soll ein großer Weltkonzern immaterielle Kompetenzen und Vorteile wie Erfahrungen oder das institutionelle Umfeld mitnehmen? Einen Maschinenpark kann man leicht verschieben, aber nicht die ganze technische Leitung und Verwaltung. Aus diesem Grund werden höchstens Produktionsanlagen, aber kaum KnowHow ins Ausland verlegt. Für das Gastland muss es nicht unbedingt hilfreich sein, nur die Arbeitskräfte bieten zu können und abhängig vom fremden Unternehmen zu sein. Aus diesem Grund zwingen etwa die Chinesen fremde Firmen dazu, auf Joint Ventures oder Technologietransfer einzugehen, wenn sie sich in China ansiedeln möchten.

Tatsächlich spielt der Nationalstaat nach wie vor eine zentrale Rolle in der Wirtschaft, auch wenn die globalistische Klasse und ihr politisch-medialer Komplex dies verneint. Eine nachhaltige Wirtschaftsordnung wird auch zukünftig nicht ohne nationale Verwurzelung und Eingrenzung funktionieren.

Dogma 3: “Reiche Leute noch reicher zu machen ist eine gute Idee”

Dieser Punkt ist wohl eher eine Glaubensfrage. Die Idee ist sehr simpel: Die Kuchenstücke für Ärmere werden größer, wenn man den Reichen größere und mehr Stücke gäbe. Gerne argumentiert man so, um reichenfreundliche Politik machen zu können. Schaut man aber auf die Daten, ergibt sich ein anderes Bild. Die neoliberale Politik der letzten dreißig Jahre, die durchaus Reiche entlastete und für größere Kuchenstücke sorgte, hat nicht dafür gesorgt, dass arme Menschen mehr bekamen. Im Gegenteil: Sie bekamen relativ gesehen immer weniger, während die Reichen den Kuchen immer stärker unter sich aufteilten.

Der sogenannte Trickle-Down-Effekt (also die Vorstellung, dass der Reichtum irgendwann durch die Gesellschaft “rieseln” und auch unten ankommen würde) existiert vor allem in der Theorie, für sich alleine in der Praxis aber nicht – außer man hat einen stärkeren Wohlfahrtsstaat etabliert, der für eine Umverteilung sorgen kann. Daten zeigen, dass der Staat eher dafür sorgen kann, das Geld umzuleiten, als Reiche selbst. In den Niederlanden ist nach Steuern die Ungleichheit geringer als in anderen westlichen Nationen. Seitdem die Regierungen immer mehr deregulieren und Reiche einen immer größeren Anteil am Volkseinkommen besitzen, sinkt die Investitionsbereitschaft der Reichen. Sie behalten also lieber das Mehr an Einkommen, anstatt es nach unten sickern zu lassen.

Die Wahrheit ist, dass das Kapital nur ein Ziel hat: Sich zu akkumulieren, das heißt aus Geld mehr Geld zu machen. Dieses Prinzip sorgt immer dann für Wachstum, wenn der Staat ihm durch Regulierung, Umverteilung und feste Grenzen einen Rahmen setzt. Lässt man das Kapital jedoch frei agieren, wird ein Prozent des Volkes immer reicher, während der Rest verelendet.

Dogma 4: “Bildungsabschlüsse sind alles”

Wissenschaftsökonomie ist vor allem in Deutschland der Hit. Bildung ist für uns Deutsche alles, denn ohne würden wir laut vielen Experten untergehen. Natürlich ist Bildung und Wissen für Wohlstand wichtig, jedoch gibt es keine bisher nachgewiesene Verbindung zwischen Bildung und Wachstum. Ein Extrembeispiel zu Veranschaulichung: In vielen afrikanischen Staaten ist seit der Dekolonisierung die Bildung besser geworden, während die wirtschaftliche Lage relativ schlechter wurde. Der Harvard-Wissenschaftler Land Pritchett hat in einer Studie “Wo ist die ganze Bildung hin?” das Fazit gezogen, dass es kaum Belege für einen positiven Einfluss der Bildung auf das Wachstum gibt.

Was ist dann aber der Vorteil westlicher Nationen gegenüber armen Nationen, wenn es nicht die Bildung ist? Ganz simpel: Es ist die Fähigkeit, Wissen und Bildung effizient zu nutzen und die Produktivität sinnvoll zu organisieren. Institutionen, Kultur, vererbte Intelligenz, die Gesellschaft, gegenseitiges Vertrauen – all diese Faktoren sorgen dafür, dass Menschen ihre Produktivkraft effizient organisieren können. Die Bildung sorgt letztendlich nur dafür, dass wir Menschen dieses Potential auch wirklich nutzen. Sie kann jedoch nicht magisch Potenziale schaffen, wo von vornherein keine vorhanden sind.

Bildung ist ein wichtiger Faktor zur Entfaltung und Organisierung der menschlichen Fähigkeiten. Und doch muss eine arbeitsteilige Gesellschaft akzeptieren, dass nicht jeder einen Universitätstitel tragen kann oder sollte. So wie es unterschiedliche Veranlagungen zwischen Individuen gibt, gibt es sie weiterhin auch zwischen Nationen. Unsere Stärke liegt in Intelligenz, Kreativität und Ordnungssinn der Deutschen – nicht in der Anzahl ihrer Titel.

Dogma 5: “Inflation muss um jeden Preis vermieden werden”

Blickt man in die Geschichte, scheint alles klar zu sein: (Hyper)inflation ist ein Phänomen, das jede Politik und Gesellschaft vermeiden sollte. Allein die deutsche Geschichte mag da ein gutes Beispiel sein – die Inflation der-20er Jahre trug einen nicht unerheblichen Teil zur Destabilisierung der Weimarer Republik bei. Es sei also im Interesse jeder Regierung, mittels Instrumenten wie Zentralbanken oder strengerer Haushaltsführung eine gewisse Geldwertstabilität zu bieten, damit Investitionen und Wachstum nicht gehindert werden. Die EZB verfolgt zum Beispiel eine Politik der Inflationskontrolle, so soll die Teuerung sich um die 2% einpendeln. So weit, so simpel.

Aber ist eine aktive Kontrolle wirklich sinnvoll? Gerne spricht man von der Bestie “Inflation”; deutsche Medien pflegen allzu gern die Angst vor neuen Teuerungen zu schüren und diskutieren neue Prozentwerte, um Warnungen vor einer Rezession auszusprechen. Seit den 70ern ist eine Inflationskontrolle mehr in den Fokus westlicher Politik geraten, in den 90ern war eine geringe Inflation eine der grundlegenden Ziele der Wirtschaftspolitik, einer der führenden IWF-Ökonomen schlug sogar eine Nullinflation vor – was aber hat es gebracht? Die Wirtschaftsexperten vergessen beim Sinnieren gerne, dass die Weltwirtschaft trotz geringer Inflation nicht stabiler geworden ist.

Die Krise im Jahre 2008 ist hier nur der offensichtlichste Hinweis. Auch ist das Wachstum vieler Staaten, die in den letzten Jahrzehnten aktive Inflationskontrolle betrieben haben, eher schwach geblieben – obwohl man ja die Inflation “besiegt” hatte. Der Beweis, dass eine möglich geringe Inflationsrate wichtig sei, fehlt also. Es gibt sogar auch Staaten, welche mit hoher Inflation Wachstumsraten erreichten, von denen westliche Regierungen nur träumen, zum Beispiel Südkorea. Trotz einer anhaltend hohen Inflation konnten stets höhere Steigerungen des Pro-Kopf-Einkommens vermeldet werden. Ironischerweise haben sogar Studien marktliberaler Thinktanks ermittelt, dass eine jährliche Teuerung im zweistelligen Prozentbereich (!) nicht unbedingt ein Problem darstellen müsste.

Man kann sogar das Gegenteil behaupten – eine Antiinflationspolitik kann hinderlich sein. Beispiel Brasilien: In den 90ern rückte eine strikte Inflationskontrolle in den Fokus. Die Regierung griff über eine Regulierung der Zinssätze aktiv in die Wirtschaft ein. Das Ergebnis: Die Inflation wurde auf 7% eingegrenzt, jedoch stieg die Arbeitslosigkeit um 5%, während das Bruttoinlandsprodukt ein paar Jahre lang stagnierte – ganz im Gegensatz zu den Phasen hoher Inflation in den Jahren davor. Ein anderes Problem: Eine Kontrolle der Inflation kommt in der Regel im Schlepptau einer Politik der Liberalisierung der Arbeitsmärkte – was zu einer extremen Prekarisierung führen kann. Zeitverträge und Leiharbeit mögen der Wirtschaft gute Zahlen bereiten, aber nicht unbedingt dem Angestellten eine Freude sein.
Fest steht: Eine Antiinflationspolitik und deren Methoden muss nicht hilfreich oder wichtig sein. Die Weltwirtschaft ist in Zeiten der hohen Inflation insgesamt stärker gewachsen als in den letzten Jahrzehnten, in denen Inflationshüter das Zepter in der Hand hielten.

Zum Thema Inflation spalten sich die Meinungen. Doch eben darum ist sie ein besonders gutes Beispiel dafür, dass uns medial und politisch nur eine Sichtweise präsentiert wird, nämlich die der herrschenden Klasse und ihrer Ideologen. Als Konservative bewerten wir jede wirtschaftliche Kennziffer stets danach, ob sie unserer Nation zu Wohlstand und solidarischer Verteilung verhilft – niemals jedoch an den dogmatischen Ansichten irgendwelcher Partikularinteressen.

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Veröffentlicht in Politik

Ein Kommentar

  1. Oh man. Die Welt aus Sicht eines Neurrechten ist fast faszinierend. Bei diesem Artikel ist so viel falsch, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Deswegen würdige ich einfach was richtig beschrieben ist.

    Ich denke, der Autor sollte vielleicht erstmal selbst Autoren wie Hans-Hermann Hoppe, Ludwig von Mises, Milton Friedmann oder Karl Popper lesen (oder zumindest mit Männern vom Fach darüber sprechen) bevor er Passagen ihrer Wikipedia Artikel aus dem Zusammenhang reißt, mit Aussagen von JuLis und GJlern vermischt und dass ganze dann nochmal um 180° dreht, bevor er es in Worte fasst. Das wäre das mindeste, was man an intellektueller Redlichkeit voraussetzen kann.

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