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Günter Scholdt – Brechts “Maßnahme” und die AfD

Im kaplaken 72 mit dem Titel Brechts “Massnahme” und die AfD versucht Autor Günter Scholdt, das klassische Weimarer Drama von 1930 mit der Situation der AfD im politischen BRD-Gefüge 2020 engzuführen. Ob ihm das gelingt und warum die Lektüre trotz mancher Schwächen zu empfehlen ist, erfahrt Ihr in unserer Buchbesprechung.

konflikt

Der kaplaken beginnt mit einem kurzen Vorwort, in welchem der Autor sein persönliches Verhältnis zu Berthold Brechts Drama und zur AfD skizziert. Ersteres diene der Illustration einer oppositionellen Zwickmühle, in welcher Letztere sich befinde; zugleich verbinde ihn als “Sympathisant ohne Mitgliedschaft” mit der AfD eine Resthoffnung auf “die letzte parlamentarische Chance”, die Demokratie in Deutschland zu retten. Diese Hoffnung sei durch die Parteikrisen der letzten Jahre gebeutelt worden, und die Demokratie in Deutschland würde sich im Rahmen der Corona-Krise endgültig als Postdemokratie erweisen. Vor diesem Hintergrund stellt Scholdt die Frage in den Raum, ob seine “folgende Lageskizze als späte Warnung oder Requiem taugt”, ob die AfD und mit ihr Deutschland also noch zu retten sind oder nur noch nachträglich beweint werden können.

Einzig mit dem Unbeugbaren Willen, die Welt zu verändern, begründeten wir Die Maßnahme.

Die Vier Agitatoren

Der nun folgende Teil Ein Weimarer Revolutionsmodell stellt Werk und Autor in ihrem geschichtlichen Kontext vor und führt zugleich in die Literatur- und Rezeptionsgeschichte des Werkes ein. Besondere Aufmerksamkeit widmet Scholdt dabei der Widerlegung dreier exemplarischer Versuche, die titelgebende Maßnahme – also die instrumentell begründete Hinrichtung eines jungen kommunistischen Agitators durch seine Genossen, sowie dessen bereitwillige Akzeptanz zum Tode – ihrer inhaltlichen Schärfe zu berauben. Scholdt stellt es als explizit falsch dar, anzunehmen, Brecht habe diese dramaturgische Darstellung von zweckrationaler Parteidisziplin ‘gar nicht so gemeint’, sie lediglich als Lehrstück zur moralischen Ausbildung der Darsteller ersonnen, oder gar ein wesentlich apolitisches klassisches Motiv (den Freitod) lediglich in einen zeitgemäßen Kontext übertragen wollen. All diesen Versuchen der Abmilderung stellt der Autor klar und deutlich entgegen, dass es sich bei der Maßnahme im Kern um die Enthüllung einer “nach wie vor gültigen, primitiven Praxis der Macht” handle.

Der zweite Teil des kaplaken widmet sich der Frage, ob das Drama Ein Lehrstück für heute sein könne. Im Wesentlichen führt Scholdt hier seine Enthüllungsthese aus, der zufolge das Werk allen idealistischen Hoffnungen auf freien Diskurs eine nach wie vor gültige Machtlogik als Realität gegenüberstellt. Dies ist das zentrale argumentative Scharnier des kaplaken, kommt er doch von dieser dramaturgischen Redpill auf die Rolle der AfD im politischen System der BRD zu sprechen, welcher ebenso skrupellos ihr eigentlich “selbstverständlicher Platz auf dem Forum” verweigert, und die “nach Art politischer Quarantäne als Verbreiter ideologischer Seuchen” behandelt würde. Zweifellos hat Scholdt Recht mit seiner Analyse der politischen Situation der AfD – wie sich auch im Folgenden zeigen wird – doch an diesem Faden verliert er zum ersten Mal den Bezug auf die Maßnahme, auf die er auch nur ein einziges Mal im weiteren Verlauf des Buches umfänglich zu sprechen kommen wird.

Das dritte und längste Kapitel, Zur Lage, widmet sich ausgiebig der AfD und ihrer diversen politischen Problemlagen. Dabei agiert der Autor durchgehend auf zwei Ebenen, indem er sowohl die Perspektive der liberalkonservativen Westverbände als auch die der systemkritischen Ostverbände empathisch widergibt. Leider bleibt der wohl angestrebte Versuch eines Brückenschlages zwischen beiden Lagern an diesem Ansatz, divergierende Positionen mehr oder weniger richtig wiederzugeben, stecken; eine wirkliche Vermittlungsleistung kommt nicht zustande. Das mag daran liegen, dass für Scholdt der grundsätzliche Konflikt in der AfD nicht geographisch zwischen Ost und West oder sozioökonomisch zwischen Bürgerlichen und proletarisierter Mittelschicht zu verorten ist, sondern abstrakt im (parteigeschichtlich der Genese der Grünen entnommenen) Scheinunterschied zwischen “Realos” und “Fundis”. Dass für Scholdt etwa die politischen Forderungen eines Jörg Meuthen oder einer Beatrix von Storch grundsätzlich realistischer sind als die ihrer deklassierten, häufig sozial akkut bedrängten ostdeutschen Parteigenossen, kann – ohne in der Diagnose irgendeiner Polemik zu bedürfen – an seiner eigenen bürgerlichen Existenz als Hochschulprofessor festgemacht werden.

Insgesamt sagt Scholdt in diesem Kapitel also einerseits viel für sich genommen Richtiges, doch fehlt, bedingt durch die grundbürgerliche Perspektivierung, eine wirkliche Synthese beider einander widersprüchlich begegnenden Positionen abseits der implizierten Aufforderung, miteinander versöhnlich und diskussionsbereit umzugehen. Dies äußert sich am plakativsten darin, dass der Autor es tunlichst vermeidet, die Begriffe “Arbeiter” oder “Unterschicht” auch nur anzutasten, um stattdessen einer breiten Koalition aller möglichen bürgerlichen Interessengruppen – “Liberale und Libertäre, […] frustrierte Konservative […] Bürger, die um die Geldwertstabilität fürchten” – ganz nebensächlich ein paar “andere sozial Abgehängte” hintanzustellen. Trotz dieser grundlegenden klassenpolitischen Blindheit tut es dennoch gut, und dürfte es wohl in keinem anderen Rahmen als einem antaios-Bändchen vorkommen, aus der Feder eines hochkarätigen Professors folgenden Satz zu lesen: “Bisherige Erfahrungen rechtfertigen [den Glauben an Akzeptanz durch Abgrenzung] nicht, denkt man etwa an Herrn Haldenwangs Kryptologik gegenüber den Identitären, wonach selbst ihre bewußte Distanz zu tatsächlichen Neonazis sie keineswegs entlaste.”

Trotz dieser guten Ansätze schweift das Kapitel recht weitläufig von der versprochenen Engführung der AfD und der Maßnahme ab und führt Letztere erst am Ende wieder ein, um einen Vergleich der BRD mit der Sowjetunion der 1930er, sowie der AfD zum von Brecht skizzierten kommunistischen Parteigericht zu zeichnen. Hier und im darauffolgenden Kapitel Meinungsfreiheit und AfD muss leider endgültig ein Auseinanderdriften von Anspruch und Inhalt beklagt werden: Lässt sich noch halbwegs nachvollziehen, warum der instrumentelle Ausschluss von Parteimitgliedern irgendwo die Exekution des übereifrigen Kommunisten durch ein impromptu-Parteigericht widerspiegelt, beklagt Scholdt im direkt anschließenden Kapitel im Wesentlichen mangelnde Meinungsfreiheit in der BRD, die deren eigener Selbstdarstellung widerspreche. Vor diesem Hintergrund solle die AfD sich vor allem als Partei der Meinungsfreiheit inszenieren, instrumentell auf ihre Außendarstellung achten und akzeptieren, dass es in der Politik primär um Machterlangung geht. Diesem Auf und Ab der guten und schlechten Analysen (es handelt sich eigentlich um eine eklektizistische Auswahl liberalkonservativer und fundamentaloppositioneller Positionen) folgen zuletzt einige tatsächlich lehrreiche Gedanken zum NPD-Verbot und zur Strategie des VS in der fortlaufenden Behinderung der AfD.

Das abschließende Kapitel führt mit Onkel Guido oder wirkliche Alternative eine weitere literarische Anleihe ein, diesmal den vom “deutsch-jüdischen Satiriker Kurt Tucholsky […] zur Veranschaulichung einer gefährlichen Beschwichtigungsmentalität” erfundenen Onkel. An dieser Stelle haben wir den roten Faden bei der Lektüre weitgehend verloren; doch ein letzter markanter Mangel bleibt leider hängen: Ausgerechnet Alexander Gaulands Feststellung von 2014, dass eine fundamentaloppositionelle Partei einen “Ritt auf der Rasierklinge” vollziehen müsse, indem “nationalkonservative oder nationallilberale Positionen so vertreten werden, dass auch Liberale und sogar Linke damit leben können” – dass es also disziplinierter Kader bedarf, deren Radikalität sich stets an ihrer Fähigkeit zur Aufrechterhaltung guter Optics zu bemessen hat – ausgerechnet dieses nachgerade geniale politische Kalkül will Scholdt mit der Maßnahme und moralischem Authentizitätsanspruch entkräften.

Was letztlich von der Lektüre des kaplaken 72 übrig bleibt, sind also gemischte Gefühle. Einerseits eignet sich das Werk gerade dadurch, dass es keine große literarische Synthese der eher bürgerlichen und der fundamentaloppositionellen Positionen versucht, sondern beide mehr oder weniger klar nebeneinander ausführt, tatsächlich als Einstiegslektüre – erfüllt also damit die Erwartung an einen kaplaken. Andererseits wird der Autor damit seinem schon im Titel postulierten Anspruch, Brechts “Massnahme” und die AfD engzuführen, nicht wirklich gerecht. Dies und die Längen im Mittelteil, welcher sich eher wie eine Tichy-Kolumne auf die Doppelmoral der BRD-Demokratie liest, werden den einen oder anderen jungen Leser womöglich davon abhalten, das Buch zu Ende zu lesen – trotz seiner Kürze. Allerdings können wir aus genau diesem Grunde doch eine Leseempfehlung aussprechen, gerade für die junge Rechtstwitter-Generation: Das Bändchen stellt ziemlich punktgenau die Perspektive eines sog. Boomers dar, der unsere Generation und unsere Anliegen zwar nicht hundertprozentig versteht, aber mit ihnen sympathisiert. Wenn es also seinem Anspruch nicht gerecht werden mag, ist es trotzdem ein Lehrstück in politischer Kommunikation und Geduld.

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