Zum Inhalt springen →

Hydra Comics Nr. 1

Letzten Monat erschien die erste Ausgabe der neuen Comicreihe Hydra Comics des gleichnamigen Verlages aus Dresden. Obwohl wir mit dem Medium bis jetzt eher wenig anfangen konnten, haben wir das Heft Nr. 1 aus Neugierde und Solidarität mit anderen dissidenten Projekten rezensiert. Und wurden mehr als positiv überrascht.

konflikt

Das Heft hat A4-Format, ist wertig mit Hochglanz produziert und macht sich schick im Regal – man bekommt direkt Lust, es in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Dabei kommt es uns mit seinen 16 beidseitig bedrucken Seiten recht kurz vor, was aber daran liegen mag, dass wir als Neueinsteiger keinen Überblick über aktuelle Comicgestaltung haben. Zumal es sich um ein brandneues Pilotprojekt handelt, denken wir nicht weiter drüber nach und blättern rein.

Wiedergutmachung

Diese Geschichte von Michael Schäfer (Text) und Claudia Ihle (Zeichnungen) dreht sich um das spannende Gedankenexperiment der Zeitreise und damit verbundener Paradoxien. Im Mittelpunkt steht der Verbindungsstudent Alexander, der von einem Alten Herren und Physik-Professor in dessen Geheimnis eingeweiht wird: Er hat eine Zeitmaschine gebaut, durch die er mit Alexander verschiedene Epochen der Vergangenheit anreist. Die Geschichte ist kurzweilig geschrieben, das Science Fiction – Element ist schön umgesetzt und auch der Zeichenstil gefällt:

Die ’48er-Revolution – Live und in Farbe

An der Geschichte gibt es nur einen Kritikpunkt: Man müsste im Jahre 2020 davon ausgehen, dass ein gewisser Teil der potenziellen Leserschaft das Verbindungsmilieu entweder gar nicht oder nur aus der medialen Negativpropaganda kennt. Hier wären ein paar Panels mit Exposition und Hintergrundinfos schön gewesen, zum Beispiel im Kontext mit der Zeitreise nach 1848. Dies tut dem positiven Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch. Ihr offenes Ende deutet stark auf eine Fortsetzung hin, und somit könnte Wiedergutmachung zu einem echten Flaggschiff der Heftreihe werden.

Horus

Die zweite Geschichte im Heft stammt von Michael Schäfer (Text) und Georgie Pratisvilly (Zeichnungen), und sie hat es in sich. Wir wollen an dieser Stelle nicht zu viel vorwegnehmen, also sagen wir nur so viel: Eine Koalition aus deutschen, ex-sowjetischen und amerikanischen Wissenschaftlern hat in den Wirren des Zweiten Weltkrieges den Mond bereist und dort einen utopischen Zukunftsstaat errichtet. In einer – von uns aus betrachtet – nahen Zukunft offenbaren sie sich der Erdbevölkerung, welche sich mit einem dystopischen Globalismus nicht nur abgefunden hat, sondern diesen im Namen von Diversity und Toleranz noch gegen jeden fortschrittlichen Einfluss durch die Luna-Kolonisten verteidigt. Der Kunststil ist düsterer und abstrakter als in Wiedergutmachung, und die Panels werden viel stärker von Text dominiert:

Die International Tolerance Army kämpft gegen die “Luna-Nazis” – obwohl die Mondkolonie den Kontakt mit friedlicher und hilfsbereiter Absicht sucht

Aufmachung und Inhalt sind also ungleich anspruchsvoller und tiefer als in der vorherigen Bildgeschichte, und an manchen Stellen fragt man sich, ob Leser ohne fundiertes neurechtes Weltbild überhaupt ganz mitkommen können. Nichtsdestotrotz ist es gerade diese beinahe undurchschaubare Dichte and Themen und Ereignissen, die Luna zu einer Bildlektüre machen, die auch und gerade erwachsene Leser wirklich fesseln kann. Die dystopische Atmosphäre und die punktgenaue Stilisierung globalistischer Entwicklungen wecken Erinnerungen an Jack Chicks Endzeitcomics – freilich ohne deren merkwürdigen amerikanischen Evangelikalismus, dafür mit eindeutigem neurechten Zukunftsgespür und ernstzunehmendem Avantgarde-Anspruch. Von allen Inhalten des kurzen ersten Hydra-Heftes überzeugt uns Horus am meisten, und wir freuen uns schon auf eine Fortsetzung oder sogar einen Comicroman im Format des bald ebenfalls bei Hydra erscheinenden Bandes Yukio Mishima – Der letzte Samurai.

Schakal – Die Entstehung

Für diese kommende Geschichte, ebenfalls von Michael Schäfer (Text) und gezeichnet von Remata’Clan, erwartet uns im Heft Nr. 1 leider nur ein einseitiger Teaser. Dieser hat es aber in sich: Ohne Panels, dafür mit fließendem Übergang der Szenen werden wir mitgenommen in die Geschichte eines Soldaten, dem in einer antiken Kultstätte eine uralte Wesenheit erscheint. Daraufhin wird er zum Vigilanten und jagt die terroristischen Mörder nordafrikanischer Christen und europäischer Zivilisten; dabei wird stark angedeutet, dass es sich bei jenen Mördern um IS-Kämpfer handelt. Auch auf diese Geschichte freuen wir uns in zukünftigen Ausgaben, zumal wir über den Künstler Remata’Clans auf der Folgeseite noch mehr Informationen und weitere Artworks erhalten.

Weiteres

Das war es (leider) auch schon mit den Bildgeschichten in diesem ersten Pilot-Heft von Hydra Comics. Unser Auge erfreut sich derweil weiter am Cover (Claudia Ihle), einer schicken Heimat Defender-Infoseite im Mittelteil, dem im Uncle Sam-Stil gehaltenen Kontaktaufruf von Hydra Comics und der zweiseitigen Infoseite zum Kalligraphie- und Aktionskünstler Wolf PMS.

Meldet Euch!

Neben einer einzelnen Werbeseite für andere Hydra-Produkte und dem Backcover mit ganzseitiger Yukio-Mishima – Anzeige bietet das Heft auf den letzten beiden Seiten noch einen Textaufruf für dissidente Künstler und geneigte Förderer der neuen Heftmarke und die sie unterstützende Bürgerinitiative Ein Prozent. Anschließend spricht der Herausgeber (und Texter) Michael Schäfer noch eine persönliche Empfehlung für die Comics des britischen Autors Warren Ellis aus, die ihn bei den vorliegenden Geschichten inspiriert haben.

Fazit

Hydra Comics Nr. 1 ist eine echte Empfehlung, nicht nur für Fans des Mediums. Um ehrlich zu sein, waren auch wir anfangs skeptisch: Comics von rechts, wirkt das nicht ein Stück weit aufgesetzt und wie ein billiger Versuch, Jugendliche zu politisieren? Die Antwort lautet aus mehreren Gründen: Nein, überhaupt nicht – ganz im Gegenteil sogar. Zuallererst sind die Comics schlicht und ergreifend gut gemacht; alle Panels sehen schick aus, die Geschichten vermögen trotz ihrer Kürze zu fesseln, und insgesamt merkt man als Leser schnell, dass hier wirkliche Comicfans einiges an Herzblut und Arbeit reingelassen haben.

Zweitens, und das ist unseres Erachtens noch wichtiger, handelt es sich gar nicht um “Politik-Comics” oder weltanschauliche Propaganda im Sinne des oben genannten Jack Chick, sondern schlicht um gut erzählte und bebilderte Geschichten. Sie fallen überhaupt nur als politisch auf – und müssen als solche vermarktet werden – weil die dahinterstehende Weltsicht nicht in den linksliberalen Kunst-Mainstream passt, sondern eine rechtsalternative und teils kulturpessimistische Sichtweise auf das Weltgeschehen hat.

Das ist alles. Wir würden sogar so weit gehen und sagen, dass die transportierten Inhalte noch bis vor wenigen Jahrzehnten im Nischenprogramm eines privaten Mainstream-Verlages hätten erscheinen können; Nischenprogramm nicht wegen eines irgendwie anstößigen Inhaltes, sondern schlicht wegen des avantgardistischen Anspruchs. Aus allen genannten Gründen können wir Hydra Comics Nr. 1 jedem interessierten und offenen Leser nur wärmstens ans Herz lesen. Wir zumindest freuen uns zum ersten Mal auf die Veröffentlichung eines Comics; ein Medium, mit dem wir bisher nur wenig anfangen konnten.

Heft Nr. 1 und andere Produkte (u.a. den im Januar erscheinenden Comicroman Yukio Mishima) könnt Ihr hier kaufen bzw. vorbestellen.

Wenn Du mehr Rezensionen lesen willst, klicke hier.

Veröffentlicht in Rezensionen

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.