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Nachtrag Jugendfeuer

Vor einigen Tagen veröffentlichten wir den Gastartikel Fostfaktisches Jugendfeuer. Aufgrund der Resonanz und damit verbundener Polarisierung haben wir uns entschlossen, einige Punkte noch einmal eingehend zu vertiefen.

konflikt

Reaktion und Bestätigung

Es ist nicht so, dass der Gastbeitrag nicht schon reichhaltig genug gewesen wäre oder wir seinem Autor in irgendeiner grundlegenden Frage widersprächen. Im Gegenteil; wir stimmen ihm sogar ausdrücklich zu und sehen in der positiven Resonanz eine Bestätigung unserer Ansicht, dass er ein sehr wichtiges Thema punktgenau und verständlich getroffen hat. Doch halten wir es gerade deshalb für notwendig, einige Gedanken des Autoren noch einmal aus unserer Sicht zu vertiefen. Denn nicht nur der Inhalt des Artikels, sondern auch seine Wirkung öffnete großen Raum für weitergehende Überlegungen. Während die Mehrheit unserer Leserschaft den provokanten Text ausgesprochen positiv aufnahm, gab es auch Widerrede. Diese lässt sich grob in drei verschiedene Kategorien aufteilen: Manche haben die Prämisse des Artikels nicht verstanden und meinen fälschlicherweise, der Autor sei kontextunabhängig gegen jeden Bezug auf Fakten – als handle der Artikel nicht spezifisch von der politischen Auseinandersetzung. Andere hingegen verkörpern das im Artikel beschriebene Problem und trauen sich nicht, den vermeintlich sicheren Boden der Faktizität zu verlassen. So weit, so erwartbar. Recht interessant wird es jedoch bei der dritten Kategorie Widerspruch, nämlich derjenigen, die sich selbst für den wahren Vertreter rücksichtsloser Standpunktvertretung hält.

So kommentierte noch am Abend der Veröffentlichung jemand nicht zwei oder drei, sondern direkt zehn Mal unter besagtem und anderen Artikeln. Ton und Inhalt seiner Kommentare waren durchwegs instabil; unter anderem pöbelte der Kommentator gegen die Neue Rechte, verlinkte vermeintlich “weise Worte” von irgendeinem altrechten Musiker und Vorlese-Videos eines unoptischen Vloggers. Als wir seinen Müll nicht freischalteten, versuchte er es noch mit einer Hand voll Beschwerde-Kommentare – sein Vorwurf: Wie können wir einen Artikel über inneres Feuer und geistige Kampfkraft veröffentlichen und uns dann “nicht trauen”, seine Kommentare zuzulassen? Dass seine Kommentare und die von ihm verlinkten Inhalte einfach Schrott sind, den niemand sehen will, kam ihm selbstverständlich nicht in den Sinn. Und in seiner unreflektierten Haltung fühlte er sich ausgerechnet von dem großartigen Artikel bestärkt.

Wir werden im Folgenden nicht weiter auf diesen spezifischen Kommentator eingehen. Vielmehr interessiert uns das hinter diesem und ähnlichen Einsprüchen stehende Missverständnis: Wie lässt sich aus einem Artikel wie Postfaktisches Jugendfeuer eine dermaßen falsche Perspektive ableiten, die sich ausgerechnet in ihrer Unreflektiertheit gerechtfertigt sieht? Um dies herauszufinden, müssen wir die Aussagen des Artikels systematisieren:

Faktizität

Der Kern des Artikels ist, dass eine starke konservative Überzeugung sich nicht auf ein faktenbasiertes, rationalistisches Denken stützen muss, um zu funktionieren. In dieser Aussage steckt die Erkenntnis, dass der Diskurs der Moderne mit dem einen, verbindlichen Metanarrativ im selben Maße überholt ist, wie der moderne Nationalstaat auf seine Auflösung zugeht. Anders ausgedrückt: Fakten und verstandesmäßige Logik funktionieren als Denkparadigma immer dann gut, wenn eine stabile und grundsätzlich versöhnte Gemeinschaft Probleme lösen will. Jedoch besteht diese Gemeinschaft in Form der Nation längst nicht mehr; vielmehr verwandelt Letztere sich zunehmend in ein Schlachtfeld verfeindeter Gruppen. Gleichzeitig existieren jedoch de jure noch die alten, vormals einheits- (und wahrheits-)schaffenden Institutionen: Kirchen, Massenmedien, Bildungssystem, Interessensverbände.

Dies wirft uns in eine zutiefst komplexe und auch gewissermaßen paradoxe Situation, mit der insbesondere viele Rechte und Konservative – also tendenziell ordnungsliebende, vertrauensvolle, gesunde Menschen – überfordert sind: Die Institutionen des alten Nationalstaats, auf die eigentlich Verlass sein müsste, machen mittlerweile nichts mehr Anderes, als den Nationalstaat und sein Staatsvolk zu delegitimieren und zu untergraben. Im selben Maße dient der akademische Diskurs, insbesondere in den metapolitisch bedeutsamen Bereichen (Politikwissenschaft, Bildungswissenschaften, Journalismus, Soziologie, Rechtswissenschaften etc.) zwar weiterhin einer Wahrheit, nur ist diese Wahrheit diametral gegen die alte Wahrheit des Nationalstaates gerichtet: Die neue Wahrheit besagt wesentlich, dass alle konservativen Strukturen zersetzt und schlussendlich aufgelöst werden müssen, sowie dass das alte, ethnokulturell weitgehend homogene Staatsvolk als solches keine Souveränität mehr beanspruchen darf.

Wenn man dieser Situation theoretisch oder intuitiv gewahr geworden ist, versteht man sofort, dass jeder Appell an ein faktenbasiertes, rationalistisches Wahrheitsmodell immer nur instrumenteller Natur sein darf. Es geht nicht darum, Zahlen und Statistiken über Bord zu werfen – vielmehr geht es darum, sie als das zu begreifen, was sie im politischen Kampf sind: Diskursive Werkzeuge, um einer Aussage oder einem Netz von Aussagen Wahrheitsanspruch zu verleihen, der auf einen Großteil der Masse wirkt. Als Kader und Vordenker einer konservativen Jugend dürfen wir selbstverständlich nicht selbst glauben, dass die Welt sich wie ein Laborgegenstand mit Messwerten eindeutig beschreiben lässt. Wer das tut, stellt unter Beweis, dass er sich nicht der Realität des Angriffes bewusst ist, dem wir als junge Bewegung ausgesetzt sind: Sie wollen uns vernichten. Wenn Dich in dunkler Nacht ein aggressiver Betrunkener anpöbelt, warum Du ihn so provozierend angeguckt hast, und Deine Instinktreaktion ist, ihm faktenbasiert erklären zu wollen, dass er aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse gar nicht habe beurteilen können, welche Absicht dein Gesichtsausdruck verriet, wirst Du den Abend voraussichtlich auf der Notaufnahme abschließen müssen. Wir hingegen wollen gewinnen, wir wollen als Nation überleben.

Jugendfeuer

Wir sehen also, dass die dem Artikel zugrundeliegende Erkenntnis lautet, dass wir uns in der politischen Auseinandersetzung nicht so verhalten dürfen, als würden wir unter Kollegen ein technisches Problem besprechen, sondern als würde uns jemand grundlos und frech angreifen. Denn so ist es auch: Wir fordern für uns nationale Souveränität und die Möglichkeit nachhaltiger und friedlicher Existenzweise ein – unsere Forderungen nach sicheren Grenzen, ethnokultureller Homogenität und sozialem Frieden sind Minimalforderungen für ein erfülltes Leben. Unsere Gegner, zuallererst das global agierende Finanz- und Technologiekapital sowie die ihm hörige politisch-mediale Klasse unseres Landes, wollen dies auf keinen Fall zulassen: Ihnen schwebt eine post-nationale, global-homogenisierte Welt vor, in der die Völker zu identitätslosen und willensschwachen Konsumentenmassen verkommen sind. Ihr Ideal steht unserem somit diametral entgegen; und das nicht primär, weil wir unterschiedliche logische Deduktionssysteme anwenden oder verschiedenen Statistiken Faktizität zusprechen, sondern weil unsere Interessen einander gegenseitig ausschließen.

Unser Paradigma muss also sein, uns in einem Kampf zu verstehen. Wir befinden uns tatsächlich unter ideologischem (und zunehmend materiellem) Dauerbeschuss vonseiten derer, die unser politisches Projekt als Hindernis begreifen, sowie von ihren gehirngewaschenen (Antifa) und exterritorialisierten (Ersetzungsmigration) Erfüllungsgehilfen. Unser Gegner ist rücksichtslos, und – das ist der ganze Punkt von Jugendfeuerwir müssen lernen, ebenso rücksichtslos zu sein. Dazu gehört an erster Stelle, sich nicht der eigenen nordeuropäischen Objektivitäts- und Faktenliebe hinzugeben, sondern etwas ignoranter gegenüber potentiellen Einwänden und Gegenargumenten zu werden.

Denn schließlich wissen wir auch, dass uns als europäischen Männern die autistische Ingenieursdenkweise als letztes Refugium von Männlichkeit nur erlaubt wird, damit wir für die sprichwörtliche Globohomo Corporation weiterhin die Glasfaserinfrastruktur managen. Was wir in ihren Augen hingegen auf keinen Fall sein sollen, ist identitär und souverän denkendes Subjekt unserer eigenen Geschichte. Es ist nicht schlecht, MINT-Experte zu sein; im Gegenteil, unsere Fähigkeit zu systematischem und zugleich innovativem Denken zeichnet uns weltweit aus. Aber für sich die Rolle des MINT-Experten für eine Gesellschaft zu akzeptieren, die einen hasst, macht einen zum Hintergrundstatisten in einer Geschichte, die nicht die eigene ist. Wir erinnern uns an Klassenkameraden, die Tontechniker und Kameramänner geworden sind – vor der Kamera stehen Feministinnen, People of Color und LGBTQI+.

Scheideweg

Wir sehen, dass Postfaktisches Jugendfeuer nicht einfach für blinde Ignoranz plädiert, sondern im Gegenteil für eine sehr reflektierte, zielgerichtete Ignoranz und Rücksichtslosigkeit gegenüber bestimmten Argumenten. Wir müssen einen sehr schmalen Seiltanz bewältigen – unsere teils anerzogene, teils genetisch begründete Neigung zum systematisch, tendenziell autistischen Denken anwenden, ohne unserem Gegner die Möglichkeit zu bieten, uns wie einen Ochs’ am Nasenring herumzuführen. Daher war die Rede im Originalartikel auch von einem kultivierten Feuer: Im langen Winter muss ein Feuer lange und gleichmäßig brennen, anstatt wie eine Brandrodung kurz und blindlings alles abzufackeln. Es benötigt Erfahrung, um richtig einschätzen zu können, wie viel Holz und wie viel Luft jeweils hinzugeführt werden muss, um den Ofen konstant auf der richtigen Temperatur zu halten. Ebenso müssen wir im ideologischen Kampf sehr feinfühlig einschätzen lernen, wie weit unsere jeweilige Provokation gerade gehen darf, wie stark die Betonung situationsabhängig auf Fakten und Zahlen liegen muss, und wann eine charismatische oder polemische Rede angebracht ist.

Es geht also bei der Kultivierung des Jugendfeuers nicht darum, es uns leicht zu machen, indem wir einfach das anstrengende Nachdenken über Fakten ablegen. Im Gegenteil: Es geht darum, neben der faktischen Ebene zusätzlich die soziale, die psychologische, die charismatische, die ideologische, die strategische, die vermittelnde und jede andere Ebene mit zu bedenken, und das gekoppelt mit der Fähigkeit, jeweils die passende Argumentations- und Denkebene für die augenblickliche Situation zu wählen. Wir dürfen es uns keinesfalls links auf der Gaußglocke (siehe das Meme aus dem Originalartikel) gemütlich machen, sondern wir müssen nach weit rechts an die Spitze streben! Verständlich, wenn der Eine oder Andere sich denkt, das ist ihm zu schwer, er bevorzugt die Gemütlichkeit dieser oder jener Schmalspur-Strategie. Aber so werden wir dann eben untergehen: Unsere Gegner sind hochintelligent, extrem motiviert und haben alle Ressourcen der Welt. Wenn wir nicht schlauer, motivierter und pfiffiger in der Verwendung unserer Ressourcen werden, sterben wir in diesem Kampf oder müssen uns individuell mit der neuen Situation arrangieren.

Es handelt sich hier wahrlich um einen Scheideweg, oder besser noch um eine Wasserscheide: Ob wir als Bewegung überhaupt die Fähigkeit haben, diesen Kampf zu gewinnen, liegt nicht komplett in unserer Willkür, sondern hängt wesentlich von der Begabung unserer Leute ab. Mit Freude stellen wir fest, dass ein Großteil der neurechten konservativen Jugend sehr based ist und sich schon intelligenztechnisch ebenso deutlich von den Ewggestrigen des sogenannten Nationalen Widerstands wie von den pseudokonservativen Spießern der Werteunion abhebt. Zugleich gibt es, wie der eingangs zitierte Kommentator und seine altrechten Vorbilder beweisen, auch in unserem Dunstkreis Minusexistenzen ohne Sinn für Optik, Theorie und die Entwicklungstendenzen im 21. Jahrhundert. Weil ihnen die existenzielle Bedrohung für unsere ethnokulturelle Identität über den Kopf wächst, kaprizieren sie sich noch immer auf verlorene Schlachten der Urgroßväter und träumen von historischen Reichen. Wenn solche Gestalten einen Artikel lesen, der reißerisch für Thymos und einen männlichen – d.h. wahren – Zugang zur Welt streitet, fühlen sie sich ebenso in ihrer kleingeistigen Beschränktheit bestätigt wie wir uns in unserer Überzeugung, den gerechten Kampf zu führen. Und dann kommen ihrerseits solche Aussagen dabei heraus:

Altrechte und Liberalkonservative als zwei Seiten derselben autistischen Medaille

Schluss

Wir sehen also auf mehreren Ebenen, warum Postfaktisches Jugendfeuer den richtigen Zahn getroffen hat: Einerseits hat unser Gastautor die postmodernen Diskursbedingungen hervorragend intuitiv verstanden und eine richtige Strategie dargestellt, wie auf diese Bedingungen zu reagieren ist. Andererseits trennt er genau dadurch die Spreu vom Weizen: Die Aufforderung, neurotische Zwänge beiseite zu legen und eine authentische Position im Kulturkampf zu vertreten, fördert bei den meisten von uns das Beste zutage; bei manchen hingegen kehrt es Seiten nach außen, die besser nicht das Licht des Tages erblicken sollten, weil sich sonst die Sonne vor Scham verdunkeln muss. Dazu gehören selbstverständlich einerseits diejenigen, die es lieber safe spielen wollen und daher das vermeintlich sichere Gerüst des fakten- und zahlenbasierten rationalen Diskurses nicht loslassen können. Ihnen sei gesagt, dass wer sein Leben um jeden Preis erhalten will, es sicher verlieren wird.

Andererseits gibt es es da eben diejenigen, die nicht über die Vergangenheit hinwegkommen. Die Mehrheit von ihnen steht heute links und setzt sich für die Aufnahme von Flüchtlingen ein, um vermeintliche Erbschuld abzutragen. Ihr minoritäres Äquivalent auf der Rechten möchte ebenso sinnlos zurück zu einem mythologischen status quo res erant ante bellum – bzw. ante clades, vor dem Unglück – also im Grunde in eine Welt vor dem Sündenfall, als Deutschland noch ein Reich war. Wir leben aber in der Gegenwart, und uns bleibt nichts anderes übrig, als nach vorne zu schauen. Wer nicht über die Vergangenheit hinweg kommt, hat nicht nur keine Zukunft verdient, sondern der besitzt im engeren Sinne auch keine Vergangenheit, weil er nicht ihr Erbe ist, sondern ihr Sklave – sie besitzt ihn. Auch dies gehört zum Jugendfeuer dazu, sich nach freiem Belieben seines Erbes zu bemächtigen oder es temporär links liegen zu lassen und etwas ganz Neues aufzubauen.

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Veröffentlicht in Theorie

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