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Rezension: eigentümlich frei Nr. 207

Nachdem wir die Zeitschrift lange vor allem als Meme in den sozialen Medien wahrgenommen hatten, stießen wir gestern am Bahnhofskiosk zufällig auf eine Ausgabe der ef. Leider war diese zu dem Zeitpunkt schon vier Tage veraltet (die Nr. 208 erschien am 13.11.). Dennoch möchten wir die Novemberausgabe Nr. 207 nehmen, um pars pro toto das libertäre Monatsmagazin zu rezensieren. Kommt mit uns auf eine Reise in fantastische Welten…

konflikt

Editorial (André F. Lichtschlag)

Ein einziger langer Boomertake des Chefredakteurs. Hängen geblieben ist nichts, außer dass uns die erste sinnfreie Marxreferenz schon auf Seite 3 anspringt.

Make love not law – Viel Virus um nichts? (Carlos A. Gebauer)

Oder: Ein Epochenbruch? Ebenso langweilig und nichtssagend wie das Editorial. Der Autor meint, “namenlose Mächte” würden “alle Stimmen, die den regierungsamtlichen Linien entgegenlaufen, plötzlich aus dem Netz” tilgen (S. 6). Die Mächte haben Namen und Adressen, z.B. 1600 Amphitheatre Parkway in Mountain View, Kalifornien und 1601 Willow Road in Menlo Park, ebenfalls Kalifornien. Doch sind Google und Facebook nun einmal private Unternehmen und daher anscheinend der konkreten Kritik enthoben. Keine Leseempfehlung.

DeutschlandBrief – Eine Wahl wie keine andere (Bruno Bandolet)

Der 3. November und der Krieg der Kulturen in den USA. Ein ganz guter Artikel im Vorlauf der US-Wahl, aber nun natürlich nicht mehr aktuell. Interessante Feststellung: “Als bei den Vorwahlen der Demokraten der Sozialist Bernie Sanders vorne lag, drohten die US-Konzerne samt Finanzindustrie der Partei mit dem Entzug von Wahlkampfspenden.” (S. 9) Im Umkehrschluss: Die US-Konzerne und die Finanzindustrie stehen hinter Joe Biden und Kamala Harris. Da sollte die ef mal genauer nachforschen, wie das sein kann. Artikel ist nicht mehr aktuell, aber prinzipielle Leseempfehlung für andere Artikel des Autoren.

Verlorene Stimmen? – Die libertäre Alternative bei den US-Wahlen (Sascha Tamm)

Über die Kandidaten Jo Jorgensen und Spike Cohen will uns dieser Artikel aufklären. Wir lernen: Es handelt sich bei den Besagten um anarchistische Bauernfänger, die (leider) “sehr vielen Amerikanern jene libertären erläutern, denen sie oft instinktiv nahestehen” (S. 12). Dass sie durch ihr instinktiv-unaufgeklärtes Wahlverhalten regelmäßig dem konservativen Kandidaten schaden, wird leider nicht erwähnt. Dafür das: “Das Kandidatenduo streitet auch für weitgehend offene Grenzen für Migration und Handel – Einwanderung und freier Handel werden als etwas Positives gesehen.” (S. 13) US-Libertäre sind also Nordeuropäer, die in New Hampshire etc. unter anderen Nordeuropäern leben und denken, die ganze Welt wäre wie sie. Falsch gedacht. Keine Leseempfehlung.

Fünfte Vollversammlung der Schwarmintelligenz – Maaßen, Merkel und der KGB (André F. Lichtschlag)

Über eine Tagung mit einem Twist, der das Land erschüttern könnte berichtet uns der ef-Chefredakteur Lichtschlag in diesem zweiseitigen Meisterwerk. Es handelte sich bei besagter Tagung um eine “Vollversammlung” der Vertreter alternativer Medien (darunter die Junge Freiheit, die Epoch Times, die Tagespost und eben die ef), die vom Tempelritter Klaus Kelle einberufen wurde.

Schon zu Anfang war Lichtschlag schwer begeistert von “den beiden jungen christlichen Rap-Musikern Maximilian und Alexander [a.k.a.] O’Bros, die auch kurz ihr Können präsentierten – da bebte erstmals der Kaisersaal zu Erfurt.” (S. 14) Leider wurde die lockere Stimmung sogleich vom CDU-nahen Historiker Andreas Rödder verdorben, der allen Ernstes eine konservative familienpolitische Wende einforderte. Doch gegen solche etatistischen (d.h. linksextremen) Umtriebe weiß Lichtschlag einzuwenden: “Die einzige konservative, christliche, liberale und libertäre Antwort auf die Politisierung alles Privaten ist […] die Abschaffung jeder Art von Familienpolitik.”

Hier wollen wir die ironische Ebene schon zu Anfang verlassen und Herrn Lichtschlag ins Gesicht brüllen, dass nur in seiner Traumwelt der linke und progressive Angriff auf die Familie ausgerechnet dann aufhört, wenn von konservativer Seite kein organisierter politischer Widerstand mehr geleistet wird. Wir wollen ihm darlegen, dass diese Vorstellung aus seiner vollkommenen und emphatischen Akzeptanz des bürgerlichen Autonomiegedankens herrührt, welcher seinerseits nur ein Produkt der modernen Gesellschaft ist und aus sich heraus kein Gemeinwesen stiften kann. Mit bürgerlichen Politikfeinden verhält es sich wie mit einem Apfel am Baum, der sich wünscht, der langweilige Stamm und der hölzerne Ast (vom dreckigen Wurzelwerk gar nicht anzufangen) würden endlich verschwinden – dann gehörte die Welt alleine den Äpfeln.

Doch anstatt sich zur schmerzhaften Erkenntnis der Unmöglichkeit seiner anarchistischen Träume durchzuringen, macht Herr Lichtschlag es sich in seiner Vorstellungswelt umso gemütlicher und sucht vor Ort nach den Gründen für das Ausbleiben einer libertären Wende. Wir lernen: Dass Rödder aus dem Publikum Applaus für seine konservativen familienpolitischen Forderungen erfuhr, “dokumentiert, wie weit der linke Extremismus bereits in die hiesigen Reihen vorgedrungen ist.” Doch bevor wir erfahren, woran das ursprünglich liegt, lässt uns Lichtschlag noch an seinem religiösen Erweckungserlebnis teilhaben:

Der “mitreißende Redner” und “Gründer der libertären Atlas-Initiative”, Markus Krall persönlich, spürte “unter dem Titel ‘Warum wir die Wende vollziehen müssen’ doch einmal mehr nach der teuflischen Metaphysik des Sozialismus […] Krall sprach und, ja: dichtete, da bebte Erfurt ein zweites Mal”. Krall warf für einen kurzen Moment die Erde, die er auf seinen starken Armen trägt, ab und stieg herab zu den Lebenden in den Erfurter Kaisersaal – gnädig und ungeachtet der abscheulichen Lage, dass sich unter die aufrechten libertären Gläubigen auch einige etatistisch-linksextreme Ketzer gemischt hatten. Dort, vor versammelter Gemeinde, verkündete er die ewige Wahrheit: Dass der Sozialismus “sich in den sieben Todsünden der christlichen Überlieferung zusammenfassen lasse.” (S. 15) Es tobt also ein Krieg zwischen Gut und Böse, und an vorderster Front ficht André Lichtschlag, eingeschlichene Irrlehrer wie Andreas Rödder entlarvend.

Doch wie die libertäre Erlösung den sündigen Massen denn nun vermittelt werden kann, bleibt leider offen. Diese Lücke verblasst auch vor der ungleich wichtigeren und einschneidenderen Erfahrung, die Lichtschlag am nächsten Morgen machen durfte: Zum Sonntagspanel erschien kein geringerer als Hans-Georg Maaßen persönlich. Dieser ließ eine sprichwörtliche Bombe nach der anderen platzen und “schwang sich auf, zurückhaltender kann man es kaum formulieren, zum Gegenspieler von Angela Merkel und ihrer Hinterlassenschaft in Partei und Land.” (S. 15)

Über die raffinierte und in ihrer Spannung von keinem Tom Clancy erreichbare Frage “Was hätte er als Chef der DDR-Staatssicherheit oder des sowjetischen KGBs in den entscheidenden Tagen 1989 eigentlich angeordnet?” führte Maaßen die Versammelten, unter ihnen Andr´é Lichtschlag, an die sinistre Welt kommunistischer Unterwanderungen heran: Schließlich hatten die östlichen Geheimdienste durch jahrzehntelange Infiltriation und Subversion ihre Kader in die Institutionen der BRD geschleust; zugleich wurde “schon in den 70ern in Moskau die Umweltpolitik als Tarnstrategie für den Sozialismus erdacht.”

Wer denkt, diese Unterwanderungsversuche hätten mit dem Niedergang des Ostblocks ebenfalls geendet, irrt gewaltig: Gerade mit der Wiedervereinigung ging es in der BRD erst so richtig los! “Wie war doch gleich Angela Merkel zu ihrem Posten in der CDU gekommen? […] Wie konnte es dazu kommen, dass viele einst linksextreme Positionen in Politik und Medien inzwischen ‘alternativlos’ sind, ja fast generalstabsmäßig durchgedrückt wurden?” Die Antwort trägt einen Hosenanzug. Auch wenn H.-G. Maaßen und André Lichtschlag sie nicht beim Namen nennen wollen (oder können – sehr verdächtig!), so wollen wir sie an dieser Stelle ausbuchstabieren: Angela Merkel ist eine KGB-Agentin!

Ja, richtig gelesen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel, so legt der Artikel nahe – ohne dies offen darzulegen – ist eine KGB-Agentin, ihr politischen Wirken eine “Geschichte der systematischen kommunistischen Infiltration”. Diese unglaubliche Enthüllung, die Maaßen und Lichtschlag auf ihre Weise jeweils nur andeuten konnten (doch konflikt nimmt kein Blatt vor den Mund!) legt weitere Fragen nahe: Sitzen die linkextremen Strippenzieher noch immer in Moskau? Sind Bundesregierung und Eliten der BRD erpressbar? Hängen womöglich noch weitere hochrangige Politiker mit dem sowjetischen Geheimdienst zusammen?

Wir wissen die Antworten auf diese Fragen ebenso wenig wie Herr Lichtschlag. Aber mit ihm sind wir uns in einem abschließenden Punkt sicher: “Wenn die steilen Thesen von Erfurt irgendwann in einer noch breitere Öffentlichkeit gezündet werden, könnten sie womöglich nicht nur dieses Land erschüttern. Hans-Georg Maaßen ist offenbar – mit all seinen tieferen Einblicken als langjähriger Geheimdienstchef – fest entschlossen.” Auch wir sind fest entschlossen und warten gespannt auf weitere Neuigkeiten von der Front gegen den Sozialismus. Absolute Leseempfehlung – Enthüllungen der Extraklasse.

Liberale in der Massendemokratie – Auf verlorenem Posten (Titus Gebel)

Eine Analyse und eine Antwort auf dieses Dilemma will Titues Gebel liefern. Gleich zu Anfang des Artikels erfahren wir über den Autoren Folgendes: “Nach über 30 Jahren politischer Aktivität kam er zum Schluss, dass Freiheit im Sinne von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung auf demokratischem Wege nicht zu erreichen ist. Er arbeitet seither daran, mit Freien Privatstädten ein völlig neues Produkt zu schaffen, dass bei Erfolg Ausstrahlungswirkung haben wird […] Zuletzt schrieb er in ef 204 über ‘Sonderzone Próspera in Honduras: Es geht los!’.” (S. 16)

Was soll man zu diesem Artikel schreiben, bzw. soll man so einem Kram überhaupt Aufmerksamkeit schenken? Der Autor stellt zunächst die Geschichte der Wahlen im Kaiserreich – 1871: Liberale Parteien 53%; 1912: Liberale Parteien 22% – als Abstieg liberaler Ideen dar; dabei handelte es sich realiter selbstverständlich um den Abstieg der liberalen Klasse relativ zum Aufstieg der proletarischen Klasse. Wer solche grundlegenden Realitätsprinzipien nicht versteht, sollte von Politik schweigen – und das tut Gebel ja zum Glück auch, denn im Fortlauf betreibt er im Wesentlich nur mehr (schlechte) Anthropologie.

Aus einem falschen Verständnis geschichtlicher (angeblich hätte “man sich im Laufe der Jahrhunderte darauf verständigt, Zwang und Gewalt grundsätzlich zu ächten” (S. 17)) und gesellschaftlicher (angeblich fordert eine Bevölkerungsmehrheit Internetzensur und Antidiskriminierungsparagraphen) Verhältnisse leitet Gebel schließlich das ab, worum es ihm eigentlich geht: Eine Bourgeois-Republik, wahlweise mit Wahlrechtsentzug für “Empfänger staatlicher Gelder” und “Staatsangestellte” (also auch für Polizisten und Soldaten), Zensuswahlrecht oder “Bürgervertrag”. Allen diesen Fantasien ist gemein, dass sie ein exklusives Gemeinwesen von und für kapitalbesitzende Bürger fordern. Diese Idee ist ebenso undeutsch wie anti-konservativ, und am Ende seines Artikels sieht Gebel sogar selbst ein, dass sie keinen Erfolg haben wird. Keine Leseempfehlung.

Liberaler Einwurf – Privatstraßen statt Maut (Sascha Tamm)

Sie tun es tatsächlich und fordern unter dem Titel Alternative Infrastruktur private Straßen. Keine Leseempfehlung.

Im Visier, die Waffenkolumne – Feuerkraft (Andreas Tögel)

Über ihre Bedeutung auch im ‘neuen Nomral’ des zivilen Lebens will uns Andreas Tögel, “Kaufmann in Wien” unterrichten. Selbstverständlich handelt es sich dabei um reine Ausgleichsfantasien: Wenn es schon mit der Bourgeois-Republik nicht klappt, will man sich wenigstens an der eigenen Handfeuerwaffe festhalten. Anarchismus im fortgeschrittenen Stadium. Keine Leseempfehlung.

Feindbild Kind (Joachim Kuhnle) & Staat kennt keine Liebe (Christian Paulwitz)

Diese Artikel rezensieren wir nicht; ihre Autoren gehören zu derjenigen Ingenieurskaste, mit der man nicht politisch diskutiert. Keine Leseempfehlung.

Aus der Welt von Werbung und Medien – Aufgeschnappt (Richard P. Statler)

Die monatliche Aufschau und ein weiterer langgestreckter Boomertake über “Fridays for Future-Schulschwänzer” (S. 30). Keine Leseempfehlung.

Geschichte der Nationalflagge – Von Schwarz-Rot-Gold zur Regenbogenfahne (Ronald Woldag)

Der Niedergang Deutschlands in Farbe soll in diesem Artikel dargestellt werden, und tatsächlich steigt der Autor recht interessant mit einer Darstellung der Geschichte deutscher Fahnenfarben ein. Grundsätzlich lässt sich aus der dargestellten Geschichte die Lehre ziehen, dass Schwarz-Rot-Gold seit jeher großdeutsch-progressiv konnotiert war, während Schwarz-Weiß-Rot preußisch-reaktionäre Wurzeln hatte. Welche Farbkombination man vor diesem Hintergrund bevorzugt, kann jeder Leser für sich entscheiden. Der Artikel driftet leider vom durchaus interessanten Einstieg in komplette Quatschaussagen ab: “Die neue, von den Grünen und ihren Blockparteien autorisierte bunte Siedlungsgebietsfahne zeigt die Farben der Hosenanzüge der Führerin der Großen Transformation in der Abfolge Merkels Erscheinens.” (S. 46) Ok, Boomer – Keine Leseempfehlung.

EinBlick – Währungskrise statt Kreditkrise (Thorsten Polleit)

Die verheimlichte Wahrheit will uns Thorsten Polleit, “Chefsvolkswirt der Degussa sowie Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth” (S. 48), in diesem Artikel darlegen. Inhaltlich folgt eine tatsächlich interessante und gut aufbereitete Darlegung der seit 2008 anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrisen. Leider verliert der Artikel dadurch etwas an Glaubwürdigkeit, wirklich neutral berichten zu wollen, dass ausgerechnet hier eine halbseitige Werbung für die EDELMETALL- & ROHSTOFFMESSE 2020 platziert ist. Eingeschränkte Leseempfehlung.

Randnotizen – Stammesdenken (Rahim Taghizadegan)

Über Armut, Filterblasen und Trade-offs will uns der Autor zum Umdenken über das Verhältnis von Ethnizität und kapitalistischer Wirtschaft anregen. Leider bringt er das selbst nicht wirklich gut auf den Punkt. Eingeschränkte Leseempfehlung.

Was ist dran an Verschwörungstheorien? – Die im Dunkeln sieht man nicht (Gérard Bökenkamp)

Einen Versuch einer vorbehaltslosen Annäherung zwischen Aufklärung und Reaktion unternimmt der Autor Gérard Bökenkamp, und tatsächlich gelingt ihm dieser Versuch ausgezeichnet. Ohne jede Spur von Ironie können wir diesem Artikel bescheinigen, das Phänomen hervorragend analysiert und auch für unbedarfte Leser verständlich erklärt zu haben: Ja, Verschwörungen in großem Ausmaß sind theoretisch möglich, aber eine spontane Eigendynamik moderner Gesellschaften, die in Funktionsweise und potentieller Destruktivität jeder hypothetischen Verschwörung meilenweit voraus ist, ist wahrscheinlicher. Leider scheint Chefredakteur André Lichtschlag diesen Artikel nicht gelesen zu haben, bevor er sein Machwerk über die KGB-Agentin Merkel niederschrieb. Absolute Leseempfehlung.

Bürgerlicher Anarchismus – Von wegen Notrecht (David Dürr)

Weder Not noch Recht zwang zur Niederschrift dieses Artikels. Bürgerlicher Anarchismus trifft es gut – Keine Leseempfehlung.

Leserbriefe

Der bürgerliche Anarchismus der Autoren trifft auf die enttäuschten Hoffnungen der einsendenden Leser: “Es bleibt nur, sich selbst abzusichern, geistig und auch physisch” schreibt Sven Edelhäuser. Wenn er mag, vermitteln wir ihm einen Wiener Clan. Den kann er dann zu seinem Schutz engagieren.

Fazit

Ab diesem Punkt folgen noch einige nichtssagende Rezensionen – u.a. eine von Solidarischer Patriotismus, das der verantwortliche Peter Wetz nicht gelesen zu haben scheint – sowie etwas Boomer-Bespaßung in Form von Kolumnen und Filmkritiken. Am ehesten zu empfehlen ist noch Lichtmesz’ Rezension eines polnischen Dokumentarfilmes über die innerkirchliche “Homo-Lobby” (S. 63). Ansonsten tröpfelt der Ausgang des Heftes irgendwo zwischen Postillon und Reisezeitschrift daher.

Die Zeitschrift liest sich insgesamt recht schnell – von der ersten bis zur letzten Seite kann man sie an einem halben Samstagvormittag ohne Probleme durchlesen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ca. 20 Prozent der Seiten aus Werbeanzeigen bestehen, angefangen von Finanzprodukten, über Lichtschlags Eigenwerbung für seinen Bourgeois-Buchverlag und Degussa-Goldwerbung (samt einstürzender EZB), bis hin zum 12-seitigen (!) manuscriptum-Werbeteil in der Heftmitte.

Die einzigen wirklich lesenswerten Artikel sind die Fünfte Vollversammlung der Schwarmintelligenz von Chefredakteur Lichtschlag und Was ist dran an Verschwörungstheorien? von Gérard Bökenkamp. In dieser Konstellation stecken beide Artikel auch gewissermaßen das Außenfeld der Zeitschrift ab: Einerseits Lichtschlag mit seinen Agentenfilm-Fantasien aus dem religiös aufgeladenen Kampf Freiheit vs. Sozialismus, andererseits Bökenkamp mit seiner tatsächlich guten ideologiekritischen Betrachtung von Verschwörungstheorien. Der Großteil der Magazinartikel dümpelt irgendwo dazwischen umher, allzu häufig gewürzt mit einer starken Boomernote und libertärer Fantastik.

Empfehlen wir die Zeitschrift zur Lektüre? Nein, denn für 9,80€ kriegt man hier bis auf einen sehr guten und einen absolut wahnwitzig-unterhaltsamen Artikel kaum etwas geboten. Weil wir nicht einschätzen können, wie ernst die Libertären um die ef es mit der Meinungsfreiheit nehmen, bzw. wie klagelustig sie sind, ersparen wir uns jeglichen weiteren Kommentar und sprechen als Gesamturteil aus: Keine Leseempfehlung.

Veröffentlicht in Bücher

6 Kommentare

  1. Leser Leser

    Was ist diese “Ingenieurskaste, mit der man nicht politisch diskutiert”? Und warum tut man dies nicht?

    • konflikt konflikt

      Die angesprochene Ingenieurskaste meint das Milieu, in dem naturwissenschaftliche Hochschulabschlüsse als ausreichendes kulturelles Kapital gelten, um politische Meinungen zu legitimieren. Mit ihnen diskutiert man nicht, weil sie nicht in der Lage sind, das politische Geschehen als Kampf einander unversöhnlich gegenüberstehender Gruppen zu betrachten.

      • Leser Leser

        Einzelne Autoren aus dem libertären Umfeld, das ohnehin weitgehend als politikunfähig bis offen -ablehnend zu betrachten ist, pars pro toto für studierte Naturwissenschaftler und Ingenieure zu nehmen und diese dann für politsch nicht satisfaktionsfähig zu erklären ist armselig und zeugt von einer Arroganz, die sich das ohnehin marginalisierte rechte Lager nicht leisten kann und sollte.

        • konflikt konflikt

          Dass Sie weder in Klassenstandpunkten denken noch Ironie verstehen können, legt nahe, dass Sie sich angesprochen fühlen?

          • Leser Leser

            Dass in einem humoristischen Artikel auch jede Menge Ironie mitschwingt verstehe ich durchaus, Ihre Antwort auf meinen ersten Kommentar habe ich jedoch als grundsätzlich ernstgemeint wahrgenommen und entsprechend kommentiert. Vielleicht habe ich mich geirrt, vielleicht überreagiert. Es tut eigentlich nichts zur Sache. Ich bleibe bei meiner Kritik, dass es eine schlechte Idee ist, die eigene potentielle Anhängerschaft in soziologische Grüppchen zu unterteilen, die man aufgrund realer oder zugeschriebener Interessen mehr oder minder ernst nimmt und somit interne Zwiste befeuert. Wo sinnvolle Abgrenzung endet und reinheitsspiralisieren beginnt sei dahingestellt. Aber es ist müßig, das im Kommentarbereich eines Scherzartikels zu diskutieren.

        • Hier geht es nicht um eine soziale Gruppe sondern eine Form von Denken, die bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern professionsbedingt (vielleicht bedingt das Denken hier auch die Profession) besonders deutlich auftritt: Man versucht die Gesellschaft wie eine Maschine zu verstehen, die ein Problem hat, dieses will man identifizieren und lösen.

          Dabei gerät aus dem Blick, dass die Maschine das Objekt der Politik ist, aber nicht das Subjekt. Die Subjekte, die politischen Akteure sind zwar von der Maschine selbst nicht ganz zu trennen, aber imaginieren wir sie uns der Einfachheit halber als Leute die entweder an den Schalthebeln sitzen oder sitzen wollen, um die Maschine in verschiedene Richtungen zu steuern. Wenn das Ingenieursdenken über den Punkt hinauskommt, die gesellschaftlichen Probleme nicht nur als bloße Systemfehler zu sehen, sondern als etwas gemachtes, geht es dann aber grundsätzlich davon aus, dass es sich um schlichte Bedienfehler imkompetener Akteure handelt.

          Die Erkenntnis, dass diese von ihnen als Systemfehler und -störungen wahrgenommenen Probleme, von anderen bewusst gewollt und als völlig unproblematisch und wünschenswort eingeschätzt werden, kommt ihnen dabei nicht. Es gibt ein eher unterentwickeltes Verständnis dafür, dass Politik nicht eine Frage der effizienten Organisation ist, sondern ein Streit von Weltanschauungen, die jeweils die Verwirklichung bestimmter Ziele, Zustände oder Werte anstreben und das der Grunddisput in dieser Zielsetzung besteht und erst danach die Frage kommt, wie man organisatorisch und effizient zu diesem Ziel hinkommt.

          Nehmen wir den Flüchtlingsstrom von 2015, spielt sich für einen “Ingenieur” die Frage weniger danach ab, ob wir die aufnehmen sollten oder nicht oder unter welchen Bedingungen oder zu welchen Zwecken, sondern ihn beschäftigen primär mechanistische Fragen nach dem Wie bzw. ob wir das können. Und daraus schöpft sich dann seine ganze Kritik, die genau in dem Moment dann schwach und hinfällig wird, wenn zumindest nominell eine Lösung dieser Sachprobleme seitens der Regierenden in Aussicht gestellt wird.

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