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Rezension: TUMULT 03/2020

Wir haben die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift TUMULT rezensiert. Kommt mit uns auf eine Achterbahn der Gefühle.

konflikt

Im Folgenden gehen wir die Artikel einzeln durch, dabei sind unsere Kommentare mal länger, mal kürzer. Danach folgt jeweils eine Bewertung auf einer Skala von eins bis zehn. Wer direkt zur Gesamtbewertung gelangen will, muss nach ganz unten im Artikel scrollen. Viel Spaß!

Die Begriffsknechtschaft abschütteln (Frank Böckelmann)

Warum die AfD eigene Wort braucht, ist die Frage, der sich der Leitartikel des Herausgebers Frank Böckelmann widmet. Grundlage dieser Frage ist die herausgearbeitete Tatsache, dass die Partei regelmäßig der linken Diskursherrschaft zum Opfer fällt, wenn sie sich etwa mit den Vorwürfen des “völkischen Nationalismus” konfrontiert sieht. Hier gehe sie regelmäßig so vor, dass sie “den Vorwurf auf eine Weise [abwehrt], die sie zugleich geständig macht. Indem sie darauf verzichtet, das Blendwerk zu entzaubern, nimmt sie ihr Scheitern vorweg.” (3)

Dies ist eine richtige und wichtige Erkenntnis, die in dissident-konservativen Kreisen regelmäßig die Tagesordnung bestimmt. Die Ursache für diese Entwicklung liegt gewissermaßen außerhalb des Themas des Artikels – dennoch wäre ein Verweis darauf, dass Begriffe wie “völkisch-nationalistisch” von einem bestimmten linksextremen Personenkreis (den sog. Antideutschen) popularisiert wurden, angebracht. Weiterhin müsste die Unfähigkeit weiter Teile der Partei, auf solche Vorwürfe adäquat zu reagieren, in eine allgemeine metapolitische Schieflage eingeordnet werden.

Laut Böckelmann müsste die Partei hingegen lernen, die bestehenden Begriffe neu zu definieren. Dafür liefert er drei Beispiele: Den Begriff des Völkischen will er historisieren, den des Rechtsextremismus auf Parteigänger des Nationalsozialismus einschränken und den Nationalismus als “Herabwürdigung anderer Nationen” definieren – würde man diese Begriffsbestimmungen zur Grundlage nehmen, könnten die entsprechenden Vorwürfe die AfD nicht mehr treffen. Doch schon in Bezug auf die Begriffe des Rechtsextremismus und des Nationalismus müssen wir ihm widersprechen: Seine Definition eines “Rechtsextremen” ist im Wesentlich identisch mit der des (Neo-)Nazi – womit wir leben könnten, was sich aber nicht durchsetzen lassen wird. Seinen Nationalismus-Begriff halten wir hingegen für völlig daneben: Als Konservative sind wir selbstverständlich Nationalisten, weil wir unser Land lieben – nicht, weil wir andere Nationen herabwürdigen. Die Gleichsetzung von Nationalismus und Chauvinismus ist schlicht ahistorisch.

Danach zieht der Artikel jedoch wieder an. Jenseits von Abgrenzungs- und Geschichtsdebatten müsse eine patriotische Kraft die Probleme der Zukunft benennen und Lösungen aufzeigen. Dazu zählen die drohende Ersetzungsmigration, die globalistisch-neoliberale kulturelle Gleichschaltung und – ein interessanter Ausblick – potenziell sogar der Transhumanismus. Für solche Perspektiven kauft man eine dissident-rechte Zeitschrift. Trotz Flaute in der Mitte – 7/10.

»Verdachtssplitter« (Baal Müller)

Dieser Artikel, welcher das Gutachten des Verfassungsschutzes zur AfD näher betrachtet, war Ausgangspunkt für unsere Überlegungen zum Viralen Staatsapparat (VS). Wie man dort lesen kann, stimmen wir seinem Verfasser nicht in allem zu. Dennoch sollte man den Artikel unbedingt lesen – 10/10.

Virale Wirklichkeit (Michael Esders)

Über Schein und Sein der Pandemie ist ein ausgezeichnetes Beispiel für Ideologiekritik. Philosophisch untermauert wird das medizinische Phänomen SARS-CoV-2 vom ideologisch-medialen Phänomen “Coronavirus” getrennt. Im Gegensatz zur aktuellen Ausgabe der konkurrierenden ideologiekritischen Zeitschrift Bahamas hat man dieses Thema auch nicht auf halber Ausgabenlänge breitgetreten, sondern auf wenigen Seiten umfänglich abgearbeitet.

Besonders interessant sind die Einlassungen auf der dritten Seite des Artikels: “Aus der Sicht Berkeleys garantiert Gott als höchster, allmächtiger Geist, dass die Wahrnehmungen konsistent, aufeinander abgestimmt und gesetzmäßig sind. Dieser geordnete Zusammenhang unterscheidet die von Gott hervorgerufenen Ideen von den flüchtigen Phantasmen der Einbildungskraft. Diese Funktion der Objektivierung übernehmen gegenwärtig die kollektiven Perzeptionssysteme der Massenmedien.” (S. 23) Besser hätte wir das Funktionieren der Ideologischen Staatsapparate nicht ausdrücken können.

Im weiteren Verlauf des Artikels wird sogar vorgeführt, wie man den adornitischen Stil für eine zeitgemäße Erkenntnis verwendet: “Die virale Wirklichkeit, gleichviel ob Sein oder universeller Schein, mikrobiologisches oder massenpsychologisches Ereignis, dient einer Agenda, die in der konzentrierten Anstrengung ihrer Verschleierung sichtbar wird.” (S. 24) Welche Agenda ist es? Es ist, wie der Artikel uns am Ende aufzeigt, die Agenda der globalen Gleichmachung. Ein hervorragender Artikel für alle, die bei den Stichworten Ideologiekritik und Adorno nicht direkt weiterblättern – 9/10.

Die Welt als Wahn und Vorstellung (Arne Kolb)

Im nächsten Artikel wird das Zeitsymptom Verschwörungsmythen unter die Lupe genommen. Wieder hat man das Gefühl, einen guten (alten) Bahamas-Text zu lesen, denn wieder liest man eine rechtsadornitische Kritik sowohl an einem Phänomen, als auch an der dieses Phänomen erst hervorbringenden Gesellschaft. Dabei wird das Phänomen gewissermaßen materialistisch eingeordnet – nur eben nicht mit Marx, sondern mit Ernst Jünger –, psychologisch ausgedeutet – mit H. P. Lovecraft statt Sigmund Freud – und mit seiner sozialen Genese enggeführt. Das Fazit: “Ein […] Kosmopolitismus, der vorgeblich die ganze Welt in den Blick nimmt, treibt Wahnideen und blinde Flecken hervor; nicht, wie oft angenommen wird, aus einem Mangel an Wissen und Information, sondern aus einem unbeherrschbaren und unmenschlichen Überfluss derselben.” (S. 31)

Das ist alles gut und recht, aber drei einfache Wahrheiten hätten es noch in den Artikel schaffen müssen: Verschwörungstheorien sind in narrative Mythen verpackte Systemkritik. Intelligente politische Akteure stellen sie auf, glauben sie aber nicht selbst. Die Masse steht ihnen entweder skeptisch gegenüber oder glaubt sie blind. Bei aller Ideologiekritik müsste trotzdem Raum für solche knackigen Evidenzen bleiben. Auch hier – 7/10.

Warum Dummheit funktioniert (Peter J. Brenner)

In dieser Abhandlung über Politik, Sprache und Wirklichkeit in der postdemokratischen Gesellschaft treffen wir schon auf den dritten rechtsadornitischen Artikel in Folge. Das ist für Leser, die die Zeitschrift von vorne bis hinten durchlesen wollen, schon etwas eintönig. Trotzdem gibt es an dieser Stelle aus Fairness (noch) keinen Punktabzug; schließlich kann der Verfasser wahrscheinlich nichts für seine Platzierung im Heft.

Der Artikel selbst weist der postdemokratischen Gegenwart ein weiteres Mal ihren totalitären Charakter nach, diesmal auf dem Wege der Sprachkritik. Dabei erkennt und beklagt er selbst, dass diese kein transformatives, sondern lediglich ein aufdeckendes Potential trage. Mit Bezug auf die zum letzten Artikel angemerkte Dialektik von Verschwörungstheoretikern und -anhängern müsste man jedoch aus Herrn Brenners Überlegungen die Schlussfolgerung ziehen, dass eine rechte Partei mit derselben Eleganz eigene “Hochwertbegriffe” schöpfen und gegnerische delegitimieren sollte, wie es die Herrschenden selbst tun. Stattdessen setzt der Autor dann doch auf die (eingangs im Artikel von ihm selbst dekonstruierte) Hoffnung der vernünftigen Einsicht – und wird sogleich enttäuscht. Seine Schlussfolgerung läuft nunmehr darauf hinaus, man solle sich dumm stellen. Für solchen Kulturpessimismus brauchen wir jedoch keinen Adorno; das haben wir auch im eigenen Lager genug. Von den drei ideologiekritischen Artikeln leider der schlechteste. Verschenktes Potenzial – 5/10.

Wir sind ein Volk! (Michael Beleites) – PDF lesbar

Nach dieser ideologiekritischen Trilogie wird es wieder konstruktiv: Der Artikel sucht nach den Möglichkeiten einer sozialen Heilung nach dem Ende der Ära Merkel, und dabei führt er – unserer Meinung nach sehr interessant und mit Sicherheit ein Hochwertbegriff – den Begriff des “Sozialkörpers” ein (S. 39). Ein solcher Sozialkörper beschreibt eine im besten Falle organisch verfasste Gesellschaft, in der die Klassen, Schichten und Milieus sich nicht als Interessenfraktionen verfeindet gegenüber stehen, sondern wie die Organe eines Körpers ineinandergreifen und zusammenarbeiten. Damit eignet sich der Begriff des Sozialkörpers ausgezeichnet, um einen Fluchtpunkt unserer Staats- und Sozialpolitik zu definieren – er bringt ein Kernanliegen der jungen konservativen Bewegung auf den Punkt.

Doch das ist noch nicht alles. Anschließend an die Einführung dieses Begriffes liefert der Autor, dessen Namen man sich merken sollte, eine sehr interessante – und tatsächlich neue – Analyse des Verhältnisses von hegemonialer Ordnung und politischen Rändern: Linke und Rechte sieht er zunächst nicht als konkurrierende Fraktionen, sondern als postwendende Einteilung der “nicht Systemkonformen” (S. 40). Diejenigen unter diesen kritischen Kräften, die sich am ehesten von “den oligarchischen Wirtschaftsmächten” einspannen lassen, werden dafür mit sozialer Hegemonie belohnt. Dies sind in jüngerer Zeit die Linken – alles Konservative wird im Gegenschritt “zur Vorstufe eines neuen nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens erklärt.” (ebd.)

Damit werden die Konservativen aus dem Volk ausgeschlossen; man fühlt sich an die von Martin Sellner häufig zitierte “Friedendsvolksgemeinschaft gegen rechts” erinnert – ein Begriff, der seinem ursprünglichen Wortschöpfer Stephan Grigat so heute nicht mehr einfallen würde. Michael Beleites jedenfalls führt im Bezug auf dieses tradierte Merkmal totalitärer deutscher Ideologiegeschichte folgendes Zitat des Historikers Michael Wildt an:

“Das eliminatorische Fremdmachen will den Fremden vernichten, die Kategorie des Anderen abschaffen, um zur Totalität des eigenen, zur Apotheose der eigenen Gemeinschaft zu gelangen. Dieses Fremdmachen ist eine Praxis des Säuberns, der Purifikation und Homogenisierung der imaginierten Gemeinschaft.” (S. 41; Original: Wildt 2007)

Vor diesem Hintergrund können wir eine zweite wichtige Erkenntnis für konservatives Denken festhalten: Wohl jeder von uns, Redaktion und Leser eingeschlossen, hat sich schon einmal über den pseudo-konservativen Vergleich des gegenwärtigen Neoliberalismus mit dem Nationalsozialismus bzw. dem Faschismus mokiert. Tatsächlich handelt es sich natürlich insbesondere bei den Antifa-Schlägern, die das System zur indirekten Repression jedes identitätsbewussten Konservatismus gewähren lässt, dezidiert nicht um Faschisten, sondern um linksextreme Anarchisten und Kommunisten. Dennoch trägt dieses Zusammenspiel von herrschender Ideologie und vermeintlich systemfeindlichen Elementen im Kampf gegen den gemeinsamen rechten Feind selbstverständlich totalitäre Züge. Unter dem Stichwort des “Fremdmachens”, also des Ausschlusses aus dem Sozialkörper, lässt sich diese Wesensverwandtschaft festhalten, ohne eine – nicht vorhandene – ideologische Schnittmenge von NS und Antifaschismus zu implizieren.

Vor dem Hintergrund dieser diagnostizierten Totalität des neoliberal-globalistischen Systems überrascht Michael Beleites ein drittes Mal: Die herausstechende Aufgabe, die sich den Konservativen für ihn heute darstellt, ist die einer bevorstehenden Aussöhnung mit ebenjenen Kräften, die uns heute mit Gewalt aus dem Sozialkörper entfernen wollen. Zwar räumt er ein gewisses Verständnis gegenüber etwaigen Verlangen nach Gegen-Repression ein, sobald es zu einer politischen Wende kommt. Doch könne die Rechte genau in diesem Moment “kein Interesse an einer weiteren Spaltung der Gesellschaft haben. Im Gegenteil: Gerade sie muss auf eine Heilung des ‘Sozialkörpers’ hinwirken.” (S. 42) Beleites ruft also zu einer Haltung grundsätzlicher Versöhnungsbereitschaft auf – dies freilich vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen in “Gesprächen mit den für [seine] Verfolgung verantwortlichen Stasi-Offizieren” (S. 43) und, wie wir annehmen, aus einer ebenso tiefen sorgenreichen Kenntnis über das Ende der Weimarer Republik.

An dieser Stelle wollen wir es unseren Lesern überlassen, wie sie mit diesen Aufruf zur Versöhnungsbereitschaft umgehen. Wir bieten lediglich einige Überlegungen: Gewaltphantasien werden uns in unserem Kampf nicht weiterhelfen, und gewiss gehört zu einer konservativen Haltung die grundsätzliche Bereitschaft zur Wiedereingliederung temporär verirrter und fehlgeleiteter Akteure. Doch Satisfaktion kann in einem zivilisierten Gesellschaftszustand auch die Form der konsequenten Anwendung rechtsstaatlicher Prinzipien annehmen; und gewiss macht es einen Unterschied, ob die Seite, die heute alle rechtsstaatlichen Prinzipien mit Füßen tritt, beizeiten von sich aus Einsicht und Reue zeigen wird, oder ob sie an ihrem staats- und volksfeindlichen Programm unerbittlich festhält.

Wir wundern uns wirklich, wie der Autor zu der Einschätzung gelangt, es sei “nicht unwahrscheinlich, dass wir sehr bald vor der Herausforderung einer gesellschaftlichen Aussöhnung stehen.” (S. 43) Er scheint der Meinung zu sein – so impliziert zumindest der Untertitel seines Artikels – dass mit dem Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels eine grundsätzliche ideologische Wende in Gang gesetzt würde, die authentischen Konservativen große Spielräume zur Zukunftsgestaltung einräumt. Wenn wir mit dieser Vermutung Recht haben, müssen wir angesichts des ansonsten so scharfsinnigen Artikels fragen, worin Herr Beleites diese Hoffnung begründet sieht. Ist Angela Merkel für ihn wirklich eine Art personifizierte Schicksalswende des deutschen Volkes, mit deren Abgang die von ihm so treffend gezeichnete ideologische Totalität einfach verschwindet? Wir wissen es nicht, denn der Artikel verweist in dieser Hinsicht lediglich auf eine vage Hoffnung. Dennoch ist er jedem Leser auf der Suche nach wirklich neuen Perspektiven zur Lektüre empfohlen – 9/10.

Black Lives Matter! (Sven Knebel)

Von der Lektüre dieses Artikels ist leider nichts hängengeblieben. Wir haben uns nicht eine Notiz gemacht, nicht eine Stelle im Text markiert. Irgendwie wird die bioleninistische BLM-Bewegung mit dem Preussentum in Verbindung gebracht, wahrscheinlich um Erstere diskursiv ab- und Letzteres aufzuwerten. Wir haben uns nicht einmal eine Bewertung notiert. Beim erneuten Durchblicken verschwimmt der Text vor unseren Augen zu einer Replik der Karl Marx-Büste in Chemnitz. 2/10.

Rassenunterschiede (Johannes Eisleben)

Zur biologischen und gesellschaftlichen Bedeutung eines vielstrapazierten Begriffes will dieser Artikel uns Grundsätzliches mitteilen. Seine These: Es gibt Rassen, denn die intuitive Wahrnehmung unterscheidet ebenso zwischen Weißen, Schwarzen und Asiaten wie die medizinische Forschung, etwa in Fragen der Malariaresistenz oder der Aspirin-Verträglichkeit.

Doch dann kommt die Krux: “Allerdings erlaubt die Kenntnis des genetischen Codes keine Rückschlüsse auf die geistigen Fähigkeiten. Die mentalen Faktoren des Menschen – Bewusstsein, Gefühle, Denken, Charakter – werden durch Eigenschaften des Gehirns bestimmt; das Verhältnis zwischen der Physik des Gehirns und dem mentalen Erleben verstehen wir nicht […] Das menschliche Gehirn ist ein komplexes System […], das komplexeste in der belebten natur. Komplexe Systeme entziehen sich der mathematischen Modellierung und damit exakten Erklärungen.” (S. 49).

Diese Aussage ist massiv irreführend, und ihre Schlussfolgerung ist schlicht falsch. Es mag sein, dass sich aus der isolierten Kenntnis des genetischen Codes keine direkten Rückschlüsse auf geistige Fähigkeiten ziehen lassen, dass man also, einfach formuliert, noch kein IQ-Gen gefunden hat. Trotzdem ist es hinlänglich belegt und steht völlig außer Frage, dass Intelligenz und Charakterveranlagungen genetisch vererbt werden. Im Durchschnitt kriegen intelligente Eltern auch intelligente Kinder, und eineiige Zwillinge zeigen ähnliche Charakterdispositionen auch dann, wenn sie getrennt voneinander aufwachsen. Dies stimmt auf der individualgenetischen Ebene, und es trifft ebenso auf der populationsgenetischen Ebene zu – um dies festzustellen, reicht der Blick auf eine x-beliebige IQ-Weltkarte. Dass die Auswirkungen dieser genetischen Veranlagung von Charaktereigenschaften keineswegs zu vernachlässigen sind, zeigt ein Vergleich der ethnischen IQ-Verteilung in den USA mit ihrer sozialen Schichtung.

Johannes Eisleben will mit einem sophistischen Taschenspielertrick die evidente Wahrheit vor unseren Augen verdrehen: Um seiner These Glauben zu schenken, muss man mit dem ideologischen Dogma konform gehen, dass mathematische Modellierbarkeit die Grundlage alles Wissens ist. Dieses grundfalsche Dogma schiebt sein Text dem Leser einfach so unter, ohne es philosophisch zu begründen. Solche Suggestionen soll er sich für die achgut-Leser aufheben. Wir fragen uns an dieser Stelle: Hat die TUMULT-Redaktion hier ein verspätetes Osterei versteckt? Was gewinnen wir, wenn wir in ihrer Gesamtausgabe alle sorgfältig im Mittelteil versteckten Hoax-Artikel finden? Wenn es ein Reisegutschein ist, treten wir diesen gerne an Johannes Eisleben ab – dann kann er ja mal nach Kinshasa fliegen und das Verhalten der dortigen Einheimischen mathematisch modellieren.

Die Augenwischerei geht im selben Absatz weiter: “Rassismus ist die Zuschreibung geistiger Eigenschaften aufgrund genetischer Unterschiede, beispielsweise die Aussage, Asiaten seien intelligenter als Kaukasier, und die Bewertung solcher Eigenschaften. Solche Aussagen lassen sich nicht treffen, und vermutlich auch künftig nicht, denn die Feststellung von Kausalzusammenhängen zwischen Genomsequenz und Geist überfordert unsere Erkenntnisfähgikeit.” (ebd.)

Die Erkenntnisfähigkeit mancher ist anscheinend schon davon überfordert, evidente Zusammenhänge unabhängig von positivistischer Molekülzählerei festzustellen. Doch bevor wir darauf eingehen, warum man Artikel von Johannes Eisleben zukünftig getrost aus dem Heft reißen und dem Papierkorb überantworten kann, nehmen wir den zitierten “Gedanken” noch einmal kurz ernst, also auseinander:

Für Eisleben ist es apriorisch beschlossene Sache, dass “Rassismus” etwas schlechtes ist – er findet ihn sogar “abscheulich” (S. 50). Dabei gibt er sich keinerlei Mühe, dieses moralische Gebot irgendwie genealogisch zu hinterfragen oder auch nur zu begründen. Es scheint ihm ganz egal zu sein, warum nicht mehr Sünde, Schande oder Treulosigkeit Inbegriffe des gesellschaftlich Negativen darstellen, sondern linke Kampfbegriffe. Anstatt sich solche mathematisch nicht-modellierbaren Gedanken zu machen, will er am Rassismusbegriff nur gerade so viel herumdoktorn, dass man einen Schwarzen wieder einen Neger – pardon, einen “Afrikaner” (S. 48) – nennen darf, ohne dass die politisch Korrekten einem aufs Dach steigen.

Natürlich ist diese erträumte Rückkehr zur vermeintlichen Normalität zuallererst ein Luftschloss und der Inbegriff von Boomertum, weil sie weder das Wesen politischer Begriffe noch die eigentliche Konfliktlinie erkennt. Was jedoch viel gravierender ist: Dieser Moral, für die “Rassismus” etwas Abscheuliches darstellt, will Eisleben im nächsten Schritt auch die nüchterne Feststellung populationsgenetisch vererbter Eigenschaften vorwerfen – “beispielsweise die Aussage, Asiaten seien intelligenter als Kaukasier” (S. 49). Die vollkommen wahre Feststellung, dass nordostasiatische Populationen eine höhere durchschnittliche Intelligenz haben als europäische Populationen, welche wiederum im Durchschnitt intelligenter sind als nahöstliche, etc., ist also für Johannes Eisleben ein absolutes No-Go. Irgendwie muss ihm beim Schreiben dieser Zeilen auch die Lust an der Stringenz abhanden gekommen sein, schließlich hatte er mit der Nominalphrase “und die Bewertung solcher Eigenschaften” zumindest im Ansatz etwas angedeutet, das man – etwa in der Variante Rassismus bezeichnet das Absprechen der Menschenwürde aufgrund der Rasse – vielleicht doch noch irgendwie in einer zumindest instrumentell akzeptablen Begriffsbestimmung hätte verarbeiten können.

Dann kommt wieder der Sophismus: Angeblich ließen sich solche Aussagen gar nicht treffen, wegen der Genomsequenz usw. usf. Natürlich würde Johannes Eisleben, wenn man ihn fragte, ob ein Zusammenhang zwischen seiner Herkunft und seiner Weltsicht besteht, nicht antworten, dass solche Aussagen mangels mathematischer Modellierbarkeit nicht getroffen werden können. Denn er wüsste intuitiv, dass dieser Aussage eine evidente Wahrheit innewohnt, die er nicht positivistisch wegrechnen kann. Aber hier, ausgerechnet hier muss er die einzige (!) mögliche Perspektive einnehmen, aus der die Verleugnung biologisch vererbbarer Charakterunterschiede, wie schwammig auch immer, irgendwie als gangbare Position verkauft werden kann – wenn man es denn unbedingt will.

Auf die anderen Macken im Artikel gehen wir nicht vertiefend ein. Doch der Autor sollte sich einmal erklären lassen, warum es sich beim Antirassismus, und allgemein bei linken Ideologemen, nicht um Missverständnisse handelt, sondern um politische Begriffe, also um Waffen im Krieg.

An dieser Stelle richten wir uns offiziell an die TUMULT-Redaktion: Warum wurde dieser Artikel veröffentlicht? Eisleben strebt keine instrumentelle Neubestimmung des Begriffes an, wie sie der Herausgeber im Leitarikel nahelegt – auch wenn er, wie um diesen Anschein zu erwecken, zunächst zweieinhalb Seiten mit Szientismen füllt. Er will die Begriffsknechtschaft des “Rassismus” gar nicht brechen, sondern das Joch lediglich mit Nackenpolstern etwas bequemer gestalten. Unsere Vermutung lautet, dass gar kein verantwortlicher Redakteur oder Lektor den Text zur Kenntnis genommen hat. Jedenfalls gehören Artikel wie dieser nicht in eine Publikation mit Wahrheitsanspruch.

Zumindest können wir dem Autor versichern, dass neben Intelligenz noch andere Charaktermerkmale psychometrisch operationalisierbar und also statistisch darstellbar sind. Zur vertiefenden Lektüre empfehlen wir ihm beispielsweise eine Analyse des US-amerikanischen Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network. Vielleicht sollte er seinen nächsten Artikel diesem Thema widmen – 0/1010.

Digitale Seinsverlassenheit (Harald Seubert)

Eine Perspektive mit Heidegger, ja, aber eine falsche. Ein Theologe rationalisiert, warum das Internet ihn vom Glauben abhält. Dabei ist der Artikel gar nicht nur schlecht, denn man lernt einiges über Heidegger. Wir sind hin- und hergerissen: Einerseits werden Blackpill-Verteiler aus Prinzip gecanceled; andererseits ist der Text bei weitem informativer als der grauenhafte Artikel davor – 5/10.

Mordsache Mensch (Matthias Gronemeyer)

Ein Indizienprozess und eine Einführung in die postmoderne Zeichentheorie erwarten uns in diesem Artikel. Endlich wieder eine gute Lektüre, die Spaß macht und bereichert. Der Autor zeigt, wie man kulturkritisch schreibt, ohne Blackpills zu verteilen. Empfehlenswert – 7/10.

Corpus Christi (Bernd Schick)

Der Autor kündigt im Untertitel an, zur Geburt des Abendlandes aus dem Geiste des Zölibats schreiben zu wollen, und schreibt dann erstmal über etwas (vermeintlich) ganz Anderes. Letzen Endes ein starker Artikel, aber der Einstieg gestaltet sich kompliziert – um zu verstehen, muss man ihn tatsächlich zweimal lesen. Anfangs fragt man sich, worüber Schick eigentlich redet, aber am Ende fügt es sich zu einem Gesamtbild zusammen. Schwierig, aber lesenswert – 8/10.

Das kalte Herz (Hans-Georg Deggau) – PDF lesbar

Philosophischer Zwischenruf oder Hegel und die Grünen. Langsam vergeht dem Leser, der sich von vorne nach hinten durcharbeitet, die Lust an der Zeitschrift. Schick war ein Lichtblick, aber Deggaus Artikel ließe sich zusammenfassen mit der Aufforderung “Lest Hegel”. OK – 6/10.

Diverse Gedichte (Meynrath zu Wolfskehl, Wolfskehl, Röcke)

Röcke liest sich gut, aber etwas vulgär. Wolfskehl langweilt, Meynrath auch. 4/10.

Der Baum der Erkenntnis (Rudolf Brandner)

Nun wird es endgültig esoterisch; Brandners Essay liest sich wie eine psychoanalytische Ergänzung zu Ulrich Enderwitz’ materialistischer Religionstheorie. Kann man lesen, muss man aber nicht. 6/10.

Raumordnung (V): Demokratischer Kolonialismus (Albrecht Goeschel)

Die Nachwirkungen des Deutschland-Zusammenschlusses auf Kosten der Sozialversicherten holen uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Interessante Lektüre, auch wenn im Kontext der Umstellung vom Steuer- zum Sozialabgaben-Staat das Thema Schulden & Kredite keine Beachtung findet. Vielleicht ja in den vorherigen vier Teilen? Jedenfalls scheint die Zeitschrift zum Ende hin wieder besser zu werden. 8/10.

Robespierre baut eine Kirche (Konrad Adam) – PDF lesbar

Zu Konrad Adam fällt uns nichts ein, und TUMULT sollte ihm keine Plattform bieten. Der Artikel ist unterirdisch – 0/10.

Wald und Schiff (Jörg Schnatz)

Vor 70 Jahren erschien Ernst Jüngers Essay ‘Der Waldgang’. Schnatz aktualisiert dessen Inhalt treffend. Based9/10.

Vergeigte Bildung: Eindrücke – Erkenntnisse – Einwände (Josef Kraus) – PDF lesbar

Teil 10: Von Bildungsspießern, Bildungsphilistern, Bildungsdilettanten und Bildungshochstaplern. Teil zehn. 10. Neun andere Teile gibt es davon? Der Artikel ist unlesbar, bildungsbürgerliche Herablassung trifft auf peinliche Orwell-Referenzen. Uns wird nicht nur schlecht, weil die letzten Artikel eine turbulente Berg- und Talfahrt waren, sondern auch wegen dem merkwürdigen Gelbstich dieser letzten Seiten. Das erinnert nicht zufällig an Klopapier. Cringe 1/10.

Bewertung & Fazit

Was für ein Auf und Ab der Gefühle. Wir rechnen zusammen:

Heftgestaltung – 7/10
Die Begriffsknechtschaft abschütteln (Frank Böckelmann) – 7/10
“Verdachtssplitter” (Baal Müller) – 10/10
Virale Wirklichkeit (Michael Esders) – 9/10
Die Welt als Wahn und Vorstellung (Arne Kolb) – 7/10
Warum Dummheit funktioniert (Peter J. Brenner) – 5/10
Wir sind ein Volk! (Michael Beleites) – 9/10
Black Lives Matter! (Sven Knebel) – 2/10
Rassenunterschiede (Johannes Eisleben) – minus 10/10
Digitale Seinsverlassenheit (Harald Seubert) – 5/10
Mordsache Mensch (Matthias Gronemeyer) – 7/10
Corpus Christi (Bernd Schick) – 8/10
Das kalte Herz (Hans-Georg Deggau) – 6/10
Diverse Gedichte (Meynrath zu Wolfskehl, Wolfskehl, Röcke) – 4/10
Der Baum der Erkenntnis (Rudolf Brandner) – 6/10
Raumordnung V (Albrecht Goeschel) – 8/10
Robespierre baut eine Kirche (Konrad Adam) – 0/10
Wald und Schiff (Jörg Schnatz) – 9/10
Vergeigte Bildung: Eindrücke – Erkenntnisse – Einwände (Josef Kraus) – 1/10

Damit kommen wir auf ein Endergebnis von 5/10. Das ist natürlich erst einmal mau, aber eigentlich ist es auch unfair, die Artikel von Konrad Adam, Josef Kraus – der wirklich kein zweiter Karl Kraus ist – und Johannes Eisleben mit in die Bewertung einzubeziehen. Ohne sie kämen wir auf eine 7/10. Das heißt im Klartext, dass das Magazin rund 30% kürzer sein sollte. Eine Leseempfehlung können wir dennoch abgeben; man sollte nur wissen, welche Artikel man überspringen kann.

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