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Socialism Sucks?

Will man für bleiche Gesichter und klappernde Knochen sorgen, dann reicht es, in einigen Kreisen des nicht-linken Lagers einfach nur den Begriff “Sozialismus” zu sagen. Wagt man dort auch nur diesen Begriff auszusprechen, beginnt das große Flüchten oder wutentbrannte Zetern und man wird mit Phrasen überhäuft, die einem die ungeheuerlichsten Verbrechen des Sozialismus aufzeigen sollen. Laut ihnen sollte doch alles klar sein: Der Sozialismus ist böse, wir – die Liberalen – sind demnach die Guten. Auch 30 Jahre nach dem Untergang des Realsozialismus wird immer noch die Sozialismuskeule von Liberalen geschwungen: Socialism Sucks! Ein Zeugnis von Denkfaulheit und Angst.

konflikt

Die 1980er haben angerufen

Nun ist dieser fast schon theologisch aufgeladene Dualismus ein überdauerndes Fossil aus dem Kalten Krieg. Im Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhundert gab die Rivalität der beiden großen Blöcke jedem Teilnehmer einen Sinn und einen Platz. Die Sowjetunion und der Kommunismus waren nicht nur ein Gegenentwurf zur selbsternannten freien Welt und zum Kapitalismus im Westen, sondern auch ein Versprechen, wenn nicht sogar eine Utopie, alles anders zu machen. Allein die Existenz sicherte aber dem Westen eine Legitimität zu. Die damaligen Eliten in Washington, Bonn usw. mussten keine Theorien oder Prämissen bilden, keine Werbung oder Argumente finden, denn die Sowjetunion und der Ostblock nahm ihnen das ab. Man musste sich nur am Gegner arbeiten und fand so seine eigene Bestimmung.

Die planwirtschaftlichen Systeme in Osteuropa existieren seit 30 Jahren nicht mehr. So wie ein Jäger ohne Beute nichts ist, so ist auch der liberale Westen ohne seinen Gegner im Osten in ein Loch gefallen und ein Nichts geworden. Es reicht lange nicht mehr, auf Moskau zu zeigen, wenn die eigene Legitimität in Frage gestellt wird. Wenn man zynisch sein möchte, könnte man sagen, dass nicht der Kommunismus 1989ff. unterging – denn als Idee hat er überlebt und besitzt weiterhin eine Faszination – sondern eigentlich der liberale Westen, der jetzt ohne Feind und Gegner verloren ist.

Unsittliche Freiheit

Während der Liberalismus angesichts des “Reichs des Bösen” seine Sinnstiftung daraus ziehen konnte, die Freiheit gegen den Osten zu verteidigen, so ist nun dieses Argument verlorengegangen, der Liberalismus als Idee und Idealtyp ausgelaugt und am Boden – eine Konsequenz, die die eigenen Prämissen folgern lassen. Im Säurebad der Hyperindividualisierung, im abstrakten universalistischen Menschenbild, in der Fortschrittsvergessenheit können immer nur Regression und Degeneration die Folgen sein. Wir können anhand der westlichen Gesellschaften diese Entwicklungen alle präzise beobachten. In der atomistischen Revolution zerfällt alles. Wir sind geschichtslos geworden.

Nun geht es nicht mehr darum, die vorhandene Freiheit gegen ein konkurrierendes System zu verteidigen, sondern vielmehr darum, jeglichem Individuum die großmöglichste Freiheit zuzubilligen. Im Wahn des Neoliberalismus werden Männer zu Frauen, Afrikaner zu Deutschen und Wissenschaftler zu Politikern. Hat unser System noch irgendeinen Reiz oder einen ideellen Motor? Welcher vernünftige Mensch würde sich noch für den freien Westen in den Schlamm werfen, um ihn in einem Krieg zu verteidigen? Menschen können anhand von Gesichtern intuitiv erkennen, ob jemand krank ist, und ihn somit meiden. Genau so können wir alle die Krankheit unseres Systems erkennen.

Manche brechen dann auch politisch mit dem System und werden zu Oppositionellen; die meisten jedoch verlieren sich im individuellen Rausch, im Hedonismus und Egoismus. Nur noch kalte Rationalität und Wissenschaft bieten dem BRD-Mainstream-Menschen noch Trost und Sinn. Es ist aber nichts Nachhaltiges; der Liberalismus ist ein Totenkult. Dostojewksi hat es mit seiner Analogie Kristallpalast-Ameisenhaufen gut beschrieben: Im Kristallpalast bestimmen die Forscher und Wissenschaftler die Welt, während die Menschen zu identitätslosen Massen werden.

Feindbilder

Vergleiche Deutschland 2021: Wir sehen das gleiche Spektakel, bloß warnt man nicht mehr von der Sowjetunion, sondern vom nahenden Faschismus. Die Angst vor den bösen Rechten ist aktuell noch eine große Klammer, die die auseinanderstrebende Gesellschaft zusammenhalten kann. Hätte es Hitler nicht gegeben, so müsste man ihn erfinden. Aber es gilt das gleiche Muster: Wir sind hier, wir sind die Guten. Dort die Bösen. Außer bleichen Zuschreibungen wie “Freiheit” kann ein Mainstream-Liberaler keine Punkte angeben, die ihn attraktiv erscheinen lassen, da er als geschichtsloses Wesen natürlich Konstanten wie Volk, Natur und Tradition ablehnt. Er braucht immer einen temporären Gegenspieler, um aus dieser Freund-Feind-Beziehung seine eigene Legitimität zu ziehen.

Nun kann man dem Mainstream-Liberalen zu gute halten, dass er wenigstens mit der Zeit geht und auch das eigene Feindbild ändern kann. Rechte Liberale können das nämlich nicht. Genauso wie Linksliberale können Rechtsliberale keine aus ihrer eigenen Essenz zeugenden Argumente angeben, die attraktiv wirken. Sie brauchen den Sozialismus, um sich zu vom politischen Gegner abzugrenzen. Genauso wie Linksliberale, die jeden Tag Hitler und Auschwitz in den Fokus rücken müssen, so muss der Rechtsliberale es mit der Sowjetunion und Sozialismus tun.

Ohne dieses Ritual wäre der Rechtsliberale ein Niemand. Aber weil die Furcht vor dem Sozialismus genauso nach den selben Prinzipien wie die Faschismus-Keule funktioniert, wird sie mit Angst befeuert. Wählt uns, sonst habt ihr sozialistische Zustände wie in Venezuela. In Orwells Farm der Tiere heißt es immer: “Wollt ihr, dass Jones wiederkommt?” (Jones ist der menschliche Vorbesitzer der Farm). Die Angst vor Jones ist der Antreiber solcher Ideologien. Im großen Orchester des Liberalismus fallen Rechtsliberale nur auf, weil sie bewusst einen Ton falsch spielen. Würden sie nicht es tun, würden sie perfekt ins große Orchester passen und vielleicht sogar der beste Darsteller im Ensemble sein.

Nach dem Liberalismus

Wer also 2021 überall den Sozialismus vermutet, ist ein denkfauler Mensch. Er will sich nur in alte und bequeme Formen des Kalten Krieges flüchten. Doch Facebook und Twitter haben Trump nicht geblockt, weil sie Angst vor der Antifa haben. Und eine gerechte Verteilung der Steuerlast ist kein Sozialismus. Aber die Angst vor Jones und das Bespielen dieser Saite ist eben auch lukrativ: Man muss erstens nicht selbst nachdenken und eigene positive Punkte entwickeln, stattdessen kann man simple und billige plakative Politik führen. Socialism Sucks? Vielleicht. Aber wir leben nicht im Sozialismus.

Eine moderne Neurechte muss beginnen, endlich vom gegnerzentrierten Denken abzukommen. Die Bundesregierung macht gewiss einen schlechten Job, aber tägliches Hinweisen auf dieses Chaos ist keine Politik, die nachhaltig und attraktiv wirkt. Wenn wir uns fortlaufend darüber definieren, was unser Gegner nicht ist, können wir immer nur reaktiv und passiv agieren. Die Zeiten für die Begriffe anti-sozialistisch, anti-kommunistisch, anti-europäisch usw. usf. sind vorbei. In der parlamentarischen Zirkuswelt kann man vielleicht noch hier und dort einen Wahlgewinn erhaschen, aber können wir darüber hinaus eine Zukunftsvision erschaffen, die intuitiv Menschen anzuziehen vermag?

Wir sind in einer postliberalen Phase angekommen. Es ist jetzt an uns, die kommende Zeit dialektisch zu verstehen und schlau zu agieren. Aktiv. Denn wir haben einen größeren Teil der Wahrheit auf unserer Seite.

Veröffentlicht in Politik

Ein Kommentar

  1. André André

    In einem Punkt stimme ich Ihnen zu. Wir sind in einer postliberalen Phase angekommen.

    Den Rest teile ich noch nicht einmal ansatzweise. Seit J. Locke und A. Smith steht der Liberalismus für ein eigenständiges Weltbild, dass kein Feindbild benötigt. Es braucht keinen Ismus um zu der Überzeugung zu kommen, dass Selbstbestimmung und Beschränkung staatlicher Macht sowie das uneingeschränkte Recht auf privates Eigentum einen Wert für sich darstellt.

    Ihre Schlussfolgerung, dass eine Neurechte sich vom gegnerzentrierten Ansatz verabschieden muss, ist interessant. Vielleicht sogar zielführend. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, eine Denkrichtung ohne Konfrontation den intellektuellen Härtegrad erreicht, um dauerhaft bestehen zu können.

    Machen Sie bitte weiter. Ohne Ihre Arbeit steht die Bewegung ohne Intellektuellen Unterbau da. Und dieser Unterbau ist absolut notwendig.

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