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Tenet – Ein Aufruf zum neuen Denken

Seit ein paar Wochen ist der neue Film Tenet von Christopher Nolan in den Kinos zu sehen. Wie zu erwarten, bekommt man einen typischen Nolan, eine anspruchsvolle Handlung, ein hohes Budget und interessante Diskussionen.

Ein Gastbeitrag von Max Schmid

Beschäftigt man sich mit den Kritiken zum Film, wird man oft auf den Vorwurf stoßen, die handelnden Personen seien zu klischeehaft. Es gäbe keinerlei Persönlichkeitsentwicklung, und der Bösewicht zeige kaum menschliche (positive) Züge, während der Held John David Washington keine menschlichen Schwächen zu haben scheine. Teilweise wird auch der Handlungsstrang an sich kritisiert: Dieser befinde sich im Widerspruch zu feststehenden naturwissenschaftlichen Gesetzen.

Nolan setzt Maßstäbe

Fans der Filme Christopher Nolans freuen sich über gewohnt überragende IMAX-Aufnahmen, für viele dürfte bereits dies ein Grund zum Anschauen sein. Doch Nolan wäre nicht Nolan, wenn nicht auch inhaltlich experimentiert würde. Im Film geht es um die Umkehrung der Entropie; dies gelingt durch eine Technik aus der Zukunft, welche Gegenstände oder besser gesagt Abläufe invertiert, also umkehrt. So feuert eine invertierte Pistole keine Kugeln ab – stattdessen fliegen die Kugeln durch den Lauf zurück ins Magazin.

Mathematisch Interessierte dürften die Inverse einer (quadratischen) Matrix kennen, mit der wiederum die Einheitsmatrix gebildet werden kann. So verhält es sich auch im Film. Das bedeutet im Klartext: Anstatt klassischen Zeitreisen, in denen auf derselben Zeitachse in die Zukunft oder die Vergangenheit “gespult” wird, öffnet sich mit jeder Zeitreise ein paralleles Zeitfenster. Ein konkretes Beispiel aus dem Film: An einer Stelle findet eine militärische Zangenoperation mit zwei Truppen statt. Anstatt jedoch räumlich (von zwei Seiten) anzugreifen, handelt es sich um ein zeitliches Zangenmanöver: Die eine Truppe greift den Feind präventiv an, die andere während seines darauffolgenden Rückzugs; beide Aktionen finden jedoch parallel statt. Der Angriff geschieht somit gleichzeitig zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten. Gleichzeitige Ungleichzeitigkeit: Wer sich mit solchen Gedankenspielen anfreunden kann, der sollte sich den Film nicht entgehen lassen.

Zugleich kann man bei solcher narrativen Komplexität jedoch auch verstehen, warum Filmkritiken zum Teil schlecht ausfallen. Tenet lässt in seinen rund 150 Minuten Spielzeit wenig Platz für klassische Persönlichkeitsentwicklungen und Charakterdarstellungen. Dem Produzenten geht es allein um die Verflechtung der Erzählung. Wie in den vorherigen Filmen Inception oder Interstellar hinterfragt Christopher Nolan Sachverhalte, die wir als unveränderlich hinnehmen. Und er behält Recht. Das ist sein Stil, der Film sein Medium. Trotz der schon lange aufkeimenden Kritik bleibt er dabei seiner Linie treu. Wenn ihm dafür nun menschliche Kälte attestiert wird, können wir daraus auch schließen, dass er dem mittlerweile weichgespülten Film- und Serien-Mainstream konträr gegenübersteht.

Neue Rechte, neues Denken

„Hören Sie auf, linear zu denken“ hört man im Film jemanden zum Protagonisten sagen. Dasselbe muss für das dissident-konservative Lager gelten. Bisher gibt es von rechter Seite wenige gut geschriebene Beiträge zu Themen der Zukunft; noch immer überwiegt waldgängerischer Kulturpessimus und ein Festhalten an den Überbleibseln der bestehenden Institutionen. Doch dies ist nichts Neues, nicht revolutionär, sondern Stagnation. Denn eine Einhegung, eine Verlamsamung verlängert letztlich nur die Lebensdauer dieses Systems. Für die Rechte ist es bezeichnend, dass mit Fayes „Archäofuturismus“ nur ein bekannteres Werk eine Zukunftsvision vorlegt, während es an historischen, ideengeschichtlichen und tagespolitischen Veröffentlichungen nicht mangelt. Es gilt mit alten Dogmen zu brechen.

Erinnert sei hier nur an die Auseinandersetzung über Batman als konservativen und den Joker als linken Akteur, erinnert sei an die Aussage „Joker ist Antifa“.1 Solche Aussagen mögen vielleicht 2015 anpolitisierten Boomer gefallen, wirken auf Jugendliche jedoch wenig anziehend. Jugend heißt auch Rebellion, und diese ist oft nicht unberechtigt. Vielmehr kommt hier der altkonservative Ruhe- und Ordnungszwang durch. Doch lohnt es sich aktuell, Ruhe und Ordnung einzufordern? Bekämpfte nicht der Joker ein korruptes, politisch erlahmtes und sozial tief gespaltenes Gotham? Ebenjenes Gotham, welches Batman im gutem Glauben an „die Menschen“ zu bewahren trachtet?

Blicken wir auf Nolans Joker aus The Dark Night, haben wir es statt mit einem gewöhnlichen Kriminellen mit einem berechnenden Anarchisten zu tun, der letztlich seine Ziele erreicht. Er bricht Bruce Wayne (Batman) ungewollt menschlich durch den Tod von Rachel, sowie kalkuliert durch die Wandlung Harvey Dents, des Weißen Ritters, zu „Two-Face“. Nur durch eine weitere Lüge besteht der Schein vom „guten“ Gotham weiter, während das Spiel der Korruption stetig weiter läuft.

Gotham muss untergehen

Was der Joker in „The Dark Night“ letztlich tut, ist nichts weiter als den Untergang zu beschleunigen bzw zu akzelerieren, womit wir beim Akzelarationismus angelangt wären.2 Einer der Vordenker des Akzelerationismus, Nick Land, lebt heute nicht ohne Grund in China und nennt sich neoreaktionär, denn im Gegensatz zum emanzipativen Akzelarationismus aus der Schule westlicher Linksliberaler, wird Lands Denken als zutiefst inhuman aufgefasst. Zentraler Bestandteil seiner Zukunftsvision ist eine Ausweitung der Technisierung und Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche, der Mensch als Gattung hingegen wird in dieser Welt immer unbedeutender.

Dass Land nicht ganz Unrecht mit seiner Annahme hat, beweisen Begriffe, auf die wir täglich stoßen. Industrie 4.0, 5G-Netz, Smart-Home, Home-Office… Die Technik ist mehr als jemals zuvor ein zentraler Bestandteil des menschlichen Lebens. Im Unterschied zu den negativen Erfahrungen zweier Weltkriege wird Technik heute vorwiegend nicht als zerstörerisch, sondern als gut, das Leben bereichernd angesehen.3

Doch neben Land gibt es einen weiteren Denker, der für diese Diskussion unverzichtbar ist: Rolf Peter Sieferle. Dieser fasste die Entwicklung der Menschheit von Jägern und Sammlern über die Ackerbaukulturen hin zur heutigen Dienstleistungsgesellschaft nicht als linear auf, sondern hob die Einmaligkeit der Entwicklung seit der Industrialisierung hervor. Seit diesem Zeitpunkt sei der vormals begrenzende Faktor Energie nämlich irrelevant geworden, da urtümliche Energiequellen wie Sonnen- und Wasserenergie, tierische und menschliche Arbeitskraft durch fossile Energieträger – Kohle, Gas und vor allem Erdöl – ersetzt wurden.4 Was folgte, war eine Explosion der Prokutivität. Seit Beginn der Industrialisierung wurden mehr als eine Billion (1.000.000.000.000) Barrel Öl verwendet; dies entspricht rund 15 Billionen (15.000.000.000.000) menschlichen Arbeitsjahren, konzentriert auf etwas mehr als ein Jahrhundert.5

Sieferle fasste diese Entwicklung in ihrer Einmaligkeit auf, wusste aber, dass die Vorgänge in der von ihm als „Transformationsphase“ bezeichneten Zeitspanne – Beginn der Industrialisierung bis heute– sich nicht umkehren oder aufhalten lassen. In „Rückblick auf die Natur“ spricht er von einer „Eigendynamik, die sich jenseits der kulturellen-politischen Organisationsformen vollzieht“ und die man nicht „zu einem bestimmten Zeitpunkt einfrieren“ könne. Wenn also in Diskussionen zur Industrie 4.0 angeführt wird, dass diese ansteigenden Arbeitslosenzahlen zur Folge haben wird, dann ist das letztlich nur die nächste Stufe auf dem Weg zur technoliberalen Welt der Zukunft.

Die Herrschaft der Maschinen ist somit real, doch deren Grundlagen sind nicht unbegrenzt. Eine weitere Beschleunigung der aktuellen Prozesse wird also wahrscheinlich das Ende der (Post-)Moderne und des Großteils ihrer Errungenschaften zur Folge haben.7 Im Gegensatz zum viel beschworenen “Ende der Geschichte” befinden wir uns also viel mehr, um es mit Christopher Nolan auszudrücken, in einer temporalen Zangenbewegung.

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Fußnoten

(1) https://www.youtube.com/watch?time_continue=1378&v=7iQSfpw92mE&feature=emb_logo

(2) Hierzu sei der Artikel „Schneller, bitte! Phantom Akzelarationismus“ von Nils Wegner aus der 95. Ausgabe der Sezession als Einstieg empfohlen sowie seine Ausführungen auf dem Jungeuropa-Verlagsblog https://podcast.jungeuropa.de/akzelerationismus-und-das-coronavirus/

(3) Vergleiche: https://sezession.de/59626/plaedoyer-fuer-eine-konservative-zukunftsvision

(4) Hierzu sind Sieferles Werke „Rückblick auf die Natur“ und „Der unterirdische Wald“ empfohlen https://www.manuscriptum.de/gesamtwerkreihe-von-rolf-peter-sieferle.html

(5) https://sezession.de/37860/der-tanz-auf-der-nadelspitze

(6) Sieferle: Rückblick auf die Natur. S.188f.

(7) https://www.mpg.de/14556308/eine-inventur-des-fossilen-zeitalters?fbclid=IwAR2dOvkn682SmjRyAlVGxCS2CGh64Dvai6JyiKsoLeuqJfSIpuIEqZmsHDk

Veröffentlicht in Gastartikel

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